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Dec 09, 2019 Last Updated 8:30 AM, Nov 20, 2019

Forschungswelten 2019

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Lernwelten 2018

Lernwelten 2018 18. internationaler wissenschaftlicher Kongress für Pflege- und ...

Person Sein zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Dammert, Matthias et al.
Person-Sein zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Beltz Juventa Verlag, Weinheim, 2016, 101 S., 19,95 €, ISBN-13: 978-3779933090
 
 
„Eine Untersuchung zur Anwendung der Integrativen Validation und der Basalen Stimulation in der Begleitung von Personen mit Demenz“ lautet der Untertitel der vorliegenden Publikation. Als Autoren werden angeführt:
• Matthias Dammert (Jahrgang 1967), Dr. phil. MPH, Sozial- und Gesundheitswissenschaftler
• Christine Keller (Jahrgang 1980). M.Sc. Public Health und B.Sc. Physiotherapie
• Thomas Beer (Jahrgang 1972), Dr. rer. medic., Dipl. Pflegewirt, Dipl.-Pflege- und Gesundheitswissenschaftler, Professor für Pflege und Pflegewissenschaft an der FH St. Gallen (Schweiz)
• Helma M. Bleses (Jahrgang 1958), Professorin im Fachbereich Pflege und Gesundheit an der FH Fulda.
 
 
Die Veröffentlichung besteht aus fünf Kapiteln.
In Kapitel 1 (Einleitung, Seite 9–16) referieren die Autoren u. a. die Fachliteratur hinsichtlich der Krankheitssymptome Demenzkranker im fortgeschrittenen Stadium. Des Weiteren werden kurz Pflege- und Umgangsstrategien für Demenzkranke mit fehlendem Wirksamkeitsnachweis wie ROT (Realitätsorientierungstherapie) und Snoezelen angeführt. Anschließend wird das Konzept der Untersuchung vorgestellt: das „SILQUA-Projekt: EMOTI-KOMM – ‚Wirkungsanalyse emotionsorientierter Kommunikationsansätze in der Betreuung von Menschen mit Demenz in institutionellen Pflegesituationen‘“. Es handelt sich um eine qualitative Fallstudie mit dem Inhalt, die emotionsorientierten Ansätze der „Integrativen Validation“ (IVA) und der „Basale Stimulation“ in der Praxis des Pflegealltags hinsichtlich ihres Einsatzes in verschiedenen Heimen zu erkunden.
 

In Kapitel 2 (Integrative Validation und Basale Stimulation, Seite 17–27) werden die IVA nach Nicole Richard und die „Basale Stimulation“ auf wenigen Seiten beschrieben. Nach Einschätzung der Autoren handelt es sich bei der IVA nicht um eine Weiterentwicklung des Validationsansatzes von Naomi Feil, sondern eher um eine bloße Vereinfachung. Bei der Basalen Stimulation nach Bienstein und Fröhlich handelt es sich ursprünglich um ein Förderkonzept aus dem Bereich der Sonderpädagogik (sensorische Stimulierung u. a. für Schlaganfallpatienten), das auf den Bereich der Altenpflege (Stimulierungstechniken u. a. bei Körperpflege) ausgeweitet wurde. Es wird darauf verwiesen, dass für beide Vorgehensweisen bisher noch keine Wirksamkeitsnachweise vorliegen.
 

Kapitel 3 (Forschungsdesign, Seite 28-35) enthält die Explikation der Untersuchung, die in sieben vollstationären und einem teilstationären Pflegeheim in Hessen mittels teilnehmender Beobachtung, beobachtender Teilnahme, situativer Gespräche bzw. Interviews und Videoaufnahmen durchgeführt wurde.
 

In Kapitel 4 (Ergebnisse, Seite 36-77) werden wesentliche Resultate der Feldforschung unter verschiedenen Aspekten erläutert. Für die Praxis der Demenzpflege im Heimbereich könnten folgende Punkte von Bedeutung sein:
• Die Arbeitsbedingungen werden von Zeit- und Personalmangel, fehlender Ruhe, geringes Wissen über die Bewohner und mangelnde Absprachen der Mitarbeiter bestimmt.
• Die Aufgaben Körperpflege, Medikamentengabe und Dokumentation besitzen bei den Pflegenden einen hohen Stellenwert, während hingegen die Betreuungstätigkeit seitens der Alltagsbegleiter relativ gering eingeschätzt wird.
• Eine systematische und regelmäßige Anwendung der Vorgehensweisen IVA und Basale Stimulation konnte trotz teilweise einschlägiger Fortbildung bei den Mitarbeitern nicht beobachtet werden. Im Gegenteil, Pflegende lehnen die Kommunikationsformen der IVA ab. Sie erscheinen ihnen nicht als alltägliche und zugleich demenzspezifische Interaktionsweisen, sondern eher als bloße „Schauspielerei“, die man nicht in Gegenwart Dritter anzuwenden wagt. Die Pflegenden kommen sich dabei „komisch“ und „dämlich“ vor.
• Demenzkranke können in Krisensituationen durch die IVA nicht positiv im Sinne einer Beruhigung beeinflusst werden. Aus diesem Grund werden bei psychischen Belastungen der Demenzkranken von den Pflegenden meist intuitiv effektive Beruhigungs- und Ablenkungsstrategien praktiziert.
 

In Kapitel 5 (Zusammenfassung und Diskussion, Seite 78-91) kommen die Autoren zu dem Schluss, dass die Demenzkranken aus Gründen der Sicherheit und Geborgenheit die Nähe der Pflegenden suchen, während hingegen die Pflegenden eher auf Distanz zu den Demenzkranken gehen, um auf diese Weise die Belastungen der Arbeit leichter bewältigen zu können. Den Pflegenden wird u. a. der Vorwurf gemacht, dass ihr Handeln nicht „person- bzw. emotionsorientiert“ wäre, sondern eher funktional, distanziert und oberflächlich.
 

Bei einer kritischen Würdigung der vorliegenden Studie fallen einige eklatante Widersprüche bezüglich des gesamten Projektes auf:
Warum werden so genannte „emotionsorientierte Kommunikationsansätze“ im praktischen Vollzug des Heimalltags überprüft, die nachweislich bisher keine Wirksamkeitsnachweise erbracht haben und somit für die Demenzpflege keine angemessenen Umgangsformen darstellen? Welchen praxisbezogenen Nutzen für die Verbesserung der Pflege und Betreuung Demenzkranker hofft man hierbei zu gewinnen?
 

Dass die Autoren selbst einen realitätsfernen Orientierungsrahmen – neben „Autonomie-Idealen“ das so genannte normativ-ideologische Konstrukt „Person-Sein“ nach Kitwood - ähnlich den Konzepten IVA und Basale Stimulation bei der Beurteilung des Verhaltens der Pflegenden anwenden, scheint ihnen nicht bewusst zu sein. Somit gelingt es ihnen auch nicht, die Vielschichtigkeit der Demenzpflege angemessen zu erfassen. Hier kann fehlendes Fachwissen über die Komplexität der Demenzpflege konstatiert werden. Anders ausgedrückt, die Autoren kennen nicht die Gesetzmäßigkeiten der Demenzpflege.
 

Die entscheidende Aussage zu den vorliegenden Bemühungen ist somit nicht der Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit, sondern die Diskrepanz zwischen Ideologie und den Realbezügen der konkreten Demenzpflege. Neue Impulse für die Demenzpflege können mittels dieser Weltsicht nicht erwartet werden.

Eine Rezension von Sven Lind

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