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Who was who in nursing history: BLISCH, Bozena
BLISCH, Bozena
Artikel von: Karin Wittneben
Erschienen in Band 4, Seite(n) 39-41.
 

Biographie

Bei der Lektüre von älteren und alten Mutterhaus- und Krankenhauschroniken treten plötzlich, phänomenologisch gesprochen, Schwestern in Erscheinung, die auf den ersten Blick aus dem Rahmen des Üblichen fallen. Eine solche Erscheinung ist die Diakonisse Bozena Blisch allein schon wegen ihres auffallenden Vornamens. Eine ausgesprochen positive Würdigung ihrer Person in dem von Fritz Kühn (1964) verfassten Text „Bethanien – Krankenhaus der Evangelischen Kirchengemeinde Iserlohn – Seine Geschichte“ erweckt zudem ein pflegehistorisches Interesse an dieser Diakonisse, die im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in dem erwähnten Krankenhaus als „Hausmutter“ wirkte. Zur Abfassung eines Kurzbiogramms wird im Wesentlichen die vom Presbyterium (Gemeindekirchenrat) der Evangelischen Gemeinde Iserlohn herausgegebene Schrift herangezogen, obwohl sie, quellenkritisch betrachtet, von Fritz Kühn, einem „Altpresbyter“, unverkennbar „pro domo“ geschrieben wurde. Die Mitteilungen über Bozena Blisch werden deshalb eher distanziert benutzt und, wo es angezeigt erscheint, durch andere Befunde, Kommentare und Interpretationen ergänzt.

Bozena Blisch wurde am 31. Mai 1860 in Wsetin (Vsetin) / Mähren geboren. Mähren, heute der östliche Landesteil der Tschechischen Republik, war seit 1849 österreichisches Kronland und seit 1918 Teil der Tschechoslowakei. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen errichtete Hitler 1939 das „Protektorat Böhmen und Mähren“. Die Selbstverwaltung des Gebiets wurde der Oberaufsicht eines Reichsprotektors unterstellt; zunächst Konstantin Freiherrn von Neurath (1873-1956) (Brockhaus), zuletzt Wilhelm Frick (1877-1946) . Als Bozena Blisch, die einen tschechischen Vornamen trägt, in Mähren lebte, war es noch österreichisches Kronland.

In ihrer mährischen Heimat wuchs Bozena in einem katholisch geprägten Milieu auf. Der Vater sollte eigentlich Priester werden, doch er konvertierte zum evangelischen Glauben, studierte Medizin, heiratete und wurde Vater zweier Töchter, getauft auf die Namen Libussa und Bozena. Die Mutter verstarb so früh, dass die Mädchen nahezu mutterlos aufwuchsen. Als sie älter wurden, vertraute der Vater einem Freund, einem Konsistorialrat in Wien, ein Vermächtnis an. Im Falle seines Ablebens sollte der Freund die beiden Töchter nach Deutschland bringen. In Kaiserswerth, habe er gehört, solle ein gutes Waisenhaus sein. Als die Mädchen fünfzehn und vierzehn Jahre alt waren, verstarb auch der Vater. Der befreundete Konsistorialrat aus Wien suchte mit den beiden Mädchen zunächst Friedrich von Bodelschwingh (1831-1910) , den „Schwesternpastor“ in Bethel, mit der Bitte auf, dieser möge ihm bei der Aufnahme der Mädchen in Kaiserswerth behilflich sein. Bodelschwingh, der schon vier eigene Kinder verloren hatte, meinte, warum der Konsistorialrat noch an den Rhein reisen wolle, er solle die beiden Mädchen doch gleich in Bethel lassen. Der Freund der Familie Blisch ging auf den Vorschlag ein und reiste beruhigt wieder ab. Bei ihrer Ankunft in Bethel sprachen die Mädchen tschechisch, aber kaum deutsch. Libussa heiratete später einen Arzt in Bremen, und Bozena wurde im Westfälischen Diakonissenmutterhaus „Sarepta“ in Bethel zur Diakonisse ausgebildet und erzogen. Der Chronist Kühn, der seine Darstellung auf Archivalien stützt, hat dieses Stück eigentümlicher Lebensgeschichte der 80-jährigen Näherin Maria Weyland entlockt. Sie hatte Bozena Blisch schon als Kind in Bethel kennen gelernt und durfte sie zeitlebens „Tante Bozena“ nennen, auch dann noch, als diese am 8. April 1902 als Hausmutter (Oberin bzw. Pflegedienstleiterin) ins Krankenhaus Bethanien in Iserlohn entsandt wurde. Als Oberin hat dann Bozena Blisch das „Fräulein Mariechen“ von Bethel nach Iserlohn in die Nähstube von Bethanien geholt. In einem Dachstübschen im alten Ostflügel des Hauses verbrachte Maria Weyland Anfang der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ihren Lebensabend.

Bozena Blisch hat in Bethel die in Diakoniekreisen als vorbildlich geltende und vorbehaltlos breit gewürdigte erste Oberin des Mutterhauses Sarepta, Emilie Heuser (1822-1898), erlebt, eine in Kaiserswerth erzogene Diakonisse. Von Anfang an, von 1869 bis 1895 war sie Leiterin des Mutterhauses Sarepta. Erst in jüngster Zeit hat Benad (2000) den subtilen religiösen Begründungszusammenhang herausgearbeitet, aus dem heraus Bodelschwingh und in seinem geistigen Gefolge Emilie Heuser die Frömmigkeits- und Arbeitserziehung der Sarepta-Diakonissen deichselten. Bodelschwinghs Erziehungsstil hat Bozena Blisch seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr erfahren.

Kühn (1964) nennt Bozena Blisch eine „einmalige Persönlichkeit“ (S. 31). Klein von Wuchs, dabei klug und scharfsinnig, soll sie jedem kompetenten Partner gewachsen gewesen sein. In Verhandlungen und Entscheidungen zeigte sie, so der Chronist weiter, eine bemerkenswerte Sicherheit, so dass ihr alle, Ärzte, Schwestern, Verwaltungs- und Vorstandsmitglieder, Helfer und Helferinnen, mit großem Respekt begegneten. Sie soll stets wachsam und diszipliniert gewesen sein und über eine beachtliche Organisationsgabe verfügt haben. Sie besuchte täglich wenigstens einige Kranke, tröstete sie und sprach ihnen Mut zu. Diese kleine offenbar um Distanz bemühte, entscheidungs- und durchsetzungsfähige Frau wurde wohl respektiert, ob sie auch geliebt wurde, bleibt eine offene Frage.

Betrachtet man neben dieser Charakterisierung das Porträt der Oberin, so blickt man in ein feines, durch die großen Augenlider madonnenhaft wirkendes Gesicht. Die fest verschlossenen Lippen und die, wie es scheint, gewohnheitsmäßig hochgezogene linke Augenbraue verleihen dem Gesicht einen hochmütigen, abweisenden Zug. Der streng verschlossene Gesichtsausdruck wird durch die beeindruckend große, gestärkte Haubenschleife unter dem Kinn noch unterstrichen.

Die während ihrer Oberinnenzeit zu bewältigenden Organisationsaufgaben waren nicht gering. Durch Erweiterungsbauten, die allein schon erhebliche Mehrarbeit verursachten, stieg der Bettenbestand zwischen 1898 und 1929 von 75 auf 220 Betten und damit auch die Anzahl der Mitarbeiterinnen. Im Ersten Weltkrieg gehörte das Krankenhaus Bethanien zum Reservelazarett Iserlohn. Kranke und verwundete Soldaten erweiterten den Kreis der zu Pflegenden beträchtlich. Als die Nahrungsengpässe im Ersten Weltkrieg immer prekärer wurden, verkündete Oberin Blisch ihren versammelten Schwestern kurzerhand: „Meine lieben Schwestern! Unser Kartoffelacker wartet auf uns. Morgen früh um 4 Uhr ziehen wir los zur Feldarbeit. Ich denke, das wird uns allen Spaß machen“ (Kühn 1964, S. 28). Dem Befehl wurde noch eine suggestive Bemerkung zur Verstärkung hinzugefügt. Es gab kein Ausweichen und keinen Widerspruch. Die selbst rastlos Tätige, die nie die wöchentliche Gesangstunde versäumt haben soll, verstarb am 3. November 1931, 71-jährig und noch amtierend.

In Bodelschwinghs Arbeitserziehungskonzept wurden die Diakonissen in ständiger paradoxer Spannung zwischen Seelen- bzw. Sündennot und Seelentrost gehalten. „Mit der Überwindung der inneren Spannung durch Arbeit für das Reich Gottes stieg nach Bodelschwinghs Erfahrung zugleich die äußere Belastbarkeit“ (Benad 2000). Die intensive Arbeit an sich selbst, die aufopfernde Pflege an den von ihnen betreuten Menschen und die produktive, auch materielle Werte schaffende  Arbeit an den Anstalten in Bethel waren geschickt auf Unendlichkeit angelegt. Eine gebieterische Hausmutter, die in diesem Geist ihre Schwestern schon vor dem regulären schweren Tagesdienst morgens um 4.00 Uhr zur Arbeit auf einem Kartoffelacker antrieb, und Schwestern, die sich in dieser Geisteshaltung ohne Eigenwillen in diese und andere unzumutbare Arbeitssituationen treiben ließen, haben heute als Modelle selbst für Diakonissen ausgedient. Heute wird der Pflegedienst in diesem Haus von einer Pflegedirektorin geleitet, die sich in Zivilkleidung darstellt und als Auditorin für „Total Quality Management“ (TQM) ausweist. Dass Kühn sich als Vertreter der Krankenhausträgerschaft von der unermüdlichen und unerbittlichen Arbeitshaltung der Krankenhausoberin Bozena Blisch tief beeindruckt zeigte, lässt sich vor dem Hintergrund des ursprünglichen Betheler Glaubens-, Erziehungs- und Arbeitskonzepts wohl verstehen, aber trotzdem nicht billigen.

Ein rastloses, in einem innerweltlichen Denken schwer nachvollziehbares Angetriebensein haben wir auch schon in dem zwischen unerschütterlichem Gottvertrauen und gebrochenem Selbstvertrauen angespannten Leben der Diakonisse Amalie Luley (1839-1915)  beobachtet, die in anderen Diakonissenhäusern sozialisiert worden war.


Literatur

Benad, Matthias: Komme ich, so komme ich um […]. Sterbelust und Arbeitslast in der Betheler Diakonissenfrömmigkeit. Journal of Religious Culture / Journal für Religionskultur Nr. 35 (2000). http://web.uni-frankfurt.de/irenik/relkultur35.PDF [12.01.2007].

Evangelisches Krankenhaus Bethanien in Iserlohn. Geschichte. http://www.bethanien-iserlohn.de/Seiten/geschichte.htm [17.01.2007].

Evangelisches Krankenhaus Bethanien in Iserlohn. Pflegedienst. http://www.bethanien-iserlohn.de/Seiten/pflege.htm [17.01.2007].

Geschichte der Diakonissenanstalt Sarepta. http://www.sarepta-nazareth.de/Stiftungen/Archiv_Sarepta/geschichte_html [12.01.2007].

Kitsch, Anne (Hg.): Wir sind so frei … Biographische Skizzen von Diakonissen. Herausgegeben im Auftrag der Westfälischen Diakonissenanstalt Sarepta. Bethel-Verlag. Bielefeld 2001.

Kühn, Fritz: Bethanien. Krankenhaus der Evangelischen Kirchengemeinde Iserlohn. Seine Geschichte. Herausgegeben vom Presbyterium der Evangelischen Kirchengemeinde Iserlohn. Wichelhovendruck. Iserlohn [1964].

Lethaus, Otto: Mutter Emilie Heuser in Bethel. In: Kaiserswerther Verband Deutscher Diakonissenmutterhäuser (Hrsg.): Diakonissenbuch. Buchhandlung der Diakonissenanstalt. Düsseldorf-Kaiserswerth 1935, Seite 207-209.

Winter, Rosemarie (Text), Merz, Johannes (Redaktion): Freisein für andere. Ein Bericht in Wort und Bild aus dem Diakonissenmutterhaus Sarepta in Bethel anlässlich seines 100-jährigen Bestehens. Gieseking. Bethel 1969.

Bildnachweis: Kühn, Fritz: Bethanien. Krankenhaus der Evangelischen Kirchengemeinde Iserlohn. Seine Geschichte. Herausgegeben vom Presbyterium der Evangelischen Gemeinde Iserlohn. Wichehovendruck. Iserlohn [1964], Seite 30.

BLISCH, Bozena

Version vom: 
2012-01-20

Zitation

Karin Wittneben. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Karin Wittneben, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 4. hpsmedia, 2012. S. 39-41

Onlinezitation

 
Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=142

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