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Who was who in nursing history: BALINT, Michael
BALINT, Michael
Artikel von: Matthias Elzer
Erschienen in Band 5, Seite(n) 13-15.
 

Biographie

Der Name Balint ist in vielen Berufsgruppen im Gesundheitswesen, so auch der Pflege, bekannt. Nach ihm sind die „Balint-Gruppen“ benannt, die als „Fall-Supervision“ in thera­peutischen Teams durchgeführt werden. In einer Balint-Gruppe wird die therapeutische Beziehung zwischen Patient und Arzt / Therapeut / Pflegeper­son, die als „schwierig“ erlebt wird, aus psycho­analytischer Per­spektive betrachtet. Dabei spielen be­sonders die Übertra­gungs- und Gegen-übertragungsphäno-mene, die die thera­peutische Beziehung belasten, die Haupt­rolle. Es wird versucht, die unbewusste Be­deutung von Konflikten, kognitiv und emoti­onal zu verstehen und Lösungswege zu fin­den.

In der ganzen Welt sind Balint-Gruppen ein Element in der Aus- und Weiterbildung im Gesundheits- und Sozialwesen; sie dienen auch der „Psychohygiene“ der Mitarbeiter sowie der verbesserten Behandlungsqualität. Balint-Gruppen kommen auch in anderen Berufsfeldern zum Einsatz: Bei Sozialarbei­tern, Lehrern, Geistlichen, Juristen etc. Wer war nun Michael Balint?

Michael Balint wurde am 3. Dezember 1896 in Budapest geboren; er hieß eigentlich Mihály Maurice Bergsmann. Er stammt aus der jüdischen Mittelschicht. Sein Vater war Hausarzt in Josefstadt, dem jüdischen Stadt­teil Budapests. Sein Vater sei ein autoritärer Mann gewesen, seine Beziehung zu ihm sei von Opposition bestimmt und das Verhältnis zur Mutter sei liebevoll und fürsorglich ge­wesen.

Sein Vater wollte, dass sein Sohn Medizin studiert; Balint interessiert sich aber für die Naturwissenschaften, dennoch begann er Medizin zu studieren und wurde als junger Soldat im Ersten Weltkrieg verwundet, zu­rück blieb eine deformierte Hand. Nach dem Weltkrieg legte er den deutschen Namen Bergsman ab, nahm den ungarischen Namen Balint an. Später wechselte er vom jüdischen Glauben zum christlichen (Unitarier).

Neben dem Interesse an den Naturwissen­schaften faszinierte Balint zunehmend für die damals neue und revolutionäre Psychoana­lyse. In die Klasse seiner jüngeren Schwester Emmy gingen Margret Mahler, die später in den USA eine berühmte Psychoanalytikerin wurde, und Alice Székely-Kovacs, seine spätere Frau, deren Mutter später ebenfalls Psychoanalytikerin wurde. Durch sie wurde er auf die Schriften Freuds aufmerksam und lernte Sándor Férenczi kennen, der als erster Universitätsprofessor für Psychoanalyse in Budapest Vorlesungen hielt.

Mit seiner Frau Alice ging er um 1920/21 nach Berlin, arbeitete einerseits in der Bio­chemie bei dem Zellphysiologen Otto War­burg, der 1931 den Nobelpreis für Medizin erhielt, andererseits machte er eine Psycho­analyse bei Hanns Sachs, der erstmals den Begriff „psychosomatischen Medizin“ be­nutzte, und behandelte an der Charité psycho­somatisch kranke Patienten. 1924 ging er mit seiner Frau Alice, eine Ethnologin, nach Bu­dapest zurück und setze seine Analyse bei Férenczi fort.

Balint wurde ein bekannter Psychoanalytiker in Ungarn. Ab 1930 initiierte er als Psychia­ter und Psychoanalytiker „Seminare für prak­tische Ärzte“, die er aufgrund der politischen Repression im damaligen faschistischen Un­garn einstellen musste. Vor dem Zweiten Weltkrieg emigrierte Balint zusammen mit seiner Frau Alice und seinem Sohn John nach England; 1939 starb Alice unerwartet an ei­nem rupturierten Aortenaneurysma. Seine Eltern entzogen sich der Deportation durch die Nazis durch Selbstmord, wie er erst nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhr.

Balint’s medizinisches Examen wurde in England nicht anerkannt, daher absolvierte er einen postgraduierten Master in Psychologie, das Thema der Abschlussarbeit: „Individual Differences in Early Infancy“. Danach leitet er in Manchester zwei „Child Guidance Clinics“. In gleicher Funktion zog er 1945 nach London um. Er heiratete ein zweites Mal; die Ehe mit Edna Oakeshott hielt nur kurze Zeit. Ab 1948 arbeitete er, inzwischen britischer Staatsbürger, an der renommierten Tavistock Clinic und am Tavistock Institute of Human Relations. Sein Arbeitsgebiet war neben der Psychoanalyse die Beratung von Familien und Ehepaaren. Er griff auf seine Erfahrungen aus Budapest bei der Durchfüh­rung Fallkonferenzen zurück. Die erste „Ba­lint-Gruppe“ bestand aus Sozialarbeitern der Familienberatung. Mit seiner späteren dritten Ehefrau Enid Eichholz entwickelte er ab 1950 die „Diskussionsseminare über psychi­sche Probleme in der ärztlichen Praxis“, die später mit seinem Namen verbunden wurden. 1954 stellte er sein Konzept erstmals im Bri­tish Journal of Medicine vor. Sein Buch „Der Arzt, sein Patient und die Krankheit“ erschien 1957 (2007 in der 10. deutsche Auflage bei Klett-Cotta) und stellt einen Forschungsbe­richt einschließlich Katamnesen der ersten Balint-Gruppe dar. 1968 wird Balint Präsi­dent der Britischen Psychoanalytischen Ver­einigung. Am 31. Dezember 1970 starb Mi­chael Balint im Alter von 74 Jahren in Lon­don an einem Herzinfarkt.

Balint’s psychoanalytisches Interesse galt der Objektbeziehungstheorie, die die frühe Be­ziehung von Mutter und Baby/Kleinkind ins Zentrum rückte. Er schrieb wichtige Werke wie „Primary love and psychoanalytic tech­nique“ (1952) oder „The basic fault: Thera­peutic aspects of regression“ (1968). Seine Frau Enid machte bei D. W. Winnicott ihre Analyse, der als einer der Hauptvertreter der britischen Objektbeziehungstheorie gilt.

Ba­lint entwickelte zusammen mit seiner Frau Enid und anderen Kollegen/innen wichtige Anwendungen der Psychoanalyse außerhalb des klassischen therapeutischen Settings z. B. die Fokaltherapie als eine intensive psycho­analytische Form von Kurzzeittherapie. Ba­lint ist in der psychoanalytischen Bewegung eine wichtige Person, er war Präsident der britischen psychoanalytischen Vereinigung, später Visiting Professor in Ohio, USA. Er hat der psychoanalytischen Fachwelt viele wichtige und kritische Impulse gegeben.

Seine Biographie spiegelt den Grundgedan­ken der Balint-Gruppe  als einer Integration von Körper und Seele wider: Balint wollte naturwissenschaftlich orientierten Hausärzten Kompetenzen einer psychodynamischen, ganzheitlichen Medizin vermitteln.

Vielleicht ist der Konflikt mit seinem Vater ein unbewusstes Motiv dazu gewesen. Er führte in die angewandte Medizin und den täglichen Umgang mit Patienten ein psychodynamisches Verständnis unbewusster Bedeutungen ein. Andererseits galt sein ursprüngliches Interesse den reinen Naturwissenschaften z. B. der Biochemie; wahrscheinlich kommt diese heimliche Liebe in seiner Metapher von der „Droge Arzt“ (engl. Drug = Pharmakon) zum Ausdruck: Der Arzt wirkt auf seinen Patien­ten vergleichbar einem Medikament mit allen erwünschten und unerwünschten Nebenef­fekten.

Der Wiederaufbau der Psychoanalyse in Westdeutschland nach der Nazizeit ist eben­falls mit dem Namen Balint verbunden; so machte Alexander Mitscherlich, der Begrün­der des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt und dessen 100. Geburtstag 2008 gedacht wird, einen Teil seiner Lehranalyse bei Mi­chael Balint in London.


Literatur

Balint Michael: Training general practitioners in psychotherapy. BMJ., 1. Jg., 1954, Seite 115-120.

Balint Michael: The doctor, his patient and the illness. Pitman Medical Publication. London 1957.

Balint, Michael: Der Arzt, sein Patient und die Krankheit. 10. Auflage. Klett-Cotta. Stuttgart 2001.

Elzer, Michael: Balint-Seminare im Pflegestudium. In: Pflege, 10. Jg., 1997, Seite 229-233.

Elzer, Michael: Der „schwierige“ Patient. Balint-Gruppe für Pflegende. In: Die Schwester Der Pfleger, 46. Jg., 2007, Heft 1, Seite 38-41.

Elzer, Michael / Sciborski, Claudio: Kommunikative Kompetenzen in der Pflege. Theorie und Praxis der verbalen und nonverbalen Interaktion. Hans Huber. Bern 2007, Seite 283-285.

Elzer, Michael: “Die Droge Arzt”. Ein halbes Jahrhundert Balint-Gruppe. In: Dr. med. Mabuse. Zeitschrift für alle Gesundheitsberufe. 33. Jg., 2008, Heft 174, Seite 63-65.

Roudinesco, Elisabeth / Plon, Michel: Wörterbuch der Psychoanalyse. Namen, Länder, Werke, Begriffe. Aus dem Französischen übersetzt von Christoph Eissing-Christophsen. Springer. Wien, New York 2004.

Stewart, Harold: Michael Balint. Object relations pure and applied. Routledge. London 1996.

Stumm, Ggerhard (Hrsg.): Personenlexikon der Psychotherapie. Springer. Wien , New York 2005.

www.balintgesellschaft.de/michael_balint.htm [20.01.2007].

Bildquelle: Dr. med. Mabuse. Zeitschrift für alle Gesundheitsberufe. 33. Jg., 2008, Heft 174, Seite 64.

BALINT, Michael

Version vom: 
2014-02-20

Zitation

Matthias Elzer. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Matthias Elzer, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 5. hpsmedia, 2014. S. 13-15

Onlinezitation

 
Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=5

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