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Jun 05, 2020 Last Updated 11:41 AM, May 20, 2020

MedGG 37Robert Jütte (Hg.)
Medizin, Gesellschaft und Geschichte Jahrbuch des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Band 37
Redaktion: Pierre Pfütsch
Franz Steiner Verlag, Stuttgart, 2019, 207 Seiten, 48,20 €, ISBN 978-3-515-12417-1

Zu den renommierten medizinhistorischen Publikationsorganen in Deutschland gehört seit vielen Jahren die von Robert Jütte herausgegebene Zeitschrift „Medizin, Gesellschaft und Geschichte“. Mit der Entscheidung, das frühere Jahrbuch des Instituts für Geschichte der Medizin (IGM) der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart zu einer programmatischen Zeitschrift weiterzuentwickeln, wurde 1991 im deutschsprachigen Raum ein Forum für interdisziplinäre Ansätze geschaffen, dessen Schwerpunkte die „Sozialgeschichte der Medizin“ und die „Geschichte alternativer Heilweisen“ umfassen. In der Reihe liegt nun Band 37 vor, der insgesamt sieben Beiträge vereint.

In seinem Editorial weist der Herausgeber darauf hin, dass die Redaktion der Zeitschrift seit vielen Jahren in den bewährten Händen von Frau Dr. Sylvelyn Hähner- Rombach (1959-2019) lag. Auch dieser Band sei von ihr noch größtenteils redaktionell betreut worden, bis sie am 6. Januar 2019 eine unheilbare Krankheit nach kurzer Leidenszeit mitten aus dem Leben gerissen habe. Mit ihr verliere das IGM „eine exzellente Mitarbeiterin und Kollegin“ (S. 9).

In einem „Nachruf“ (S. 11-18), der dem Aufsatzteil vorangestellt ist, zeichnen Robert Jütte und Martin Dinges das akademische Wirken und die Persönlichkeit ihrer Verstorbenen Kollegin nach. Sylvelyn Hähner-Rombach habe „sehr erfolgreich die Pflegegeschichte als neues Forschungsfeld“ entwickelt, an der Gründung einer wissenschaftlichen Fachgesellschaft entscheidend mitgewirkt, ein Forschungsnetzwerk mit Tagungen und Publikationen aufgebaut, zu den Gründungsmitgliedern der Fachgesellschaft Pflegegeschichte e.V. (German Association fort he History of Nursing) gehört und eine grundlegende Quellensammlung herausgegeben, die der Lehre in den Ausbildungsstätten der Pflege eine solide historische Grundlage geben sollte. Sodann halten die Autoren wörtlich fest: „Ihr Arbeitseinsatz war immens. Ihre Kollegialität war vorbildlich. Besonders sticht ihre solidarische Hilfe für die Jüngeren heraus. Und ihre Ungewandtheit zum Leben und ihre ansteckende Fröhlichkeit machten sie zu einer liebenswerten und geschätzten Kollegin und Mitarbeiterin. Auch wegen ihres herzlichen Wesens, ihrer Großzügigkeit und ihres Humors wird uns Sylvelyn Hähner-Rombach in Erinnerung bleiben, Sie wird uns allen sehr fehlen“ (S. 13).

Die erste Sektion beginnt mit einem Beitrag von Astrid Stölzle zur „Kriegskrankenpflege im Zweiten Weltkrieg“ (S. 19-69). Anschließend zeigt unter der Überschrift „Untersuchen und Entlausen“ (S. 61-83) Jens Gründler auf, in welchem Umfang hygienische Zwangsmaßnahmen bei Flüchtlingen im kollektiven Gedächtnis verhaftet geblieben sind. In dem Beitrag „Arzneimittelregulierung in der Bundesrepublik“ (S. 85-112) macht sodann Niklas Lenhard-Schramm deutlich, wie teratogen wirkende Medikamente, wie beispielsweise Contergan, in den 1950er und 1960er Jahren dazu beitrugen, das Arzneimittelrecht in der Bundesrepublik zu verschärfen. Schließlich stellt Carolin Wiethoff ihre Untersuchung über „Die berufliche Rehabilitation in der DDR“ (S. 113-134) vor, mit der sie zugleich einen bislang wenig beachteten Aspekt des sozialistisch geprägten Gesundheitswesens beleuchtet.

Im ersten Beitrag der zweiten Sektion „Early examples oft he healing power of imagination: The preshistory of the placebo” (S. 135-154) geht Robert Jütte der Frage nach, inwieweit der Placeboeffekt bereits vor der Mitte des 18. Jahrhunderts in Ärzte- und Gelehrtenkreisen bekannt war. Während sich Daniel Walther mit dem ambivalenten Verhältnis zwischen dem Stuttgarter Mediziner und Zoologen „Gustav Jaeger und der Homöopathie“ (S. 155-182)auseinandersetzt, beschäftigt sich Andreas Weigl mit den „Ernährungsvorschriften in deutschsprachigen homöopathischen Schriften (ca. 1820-1960)“ (S. 183-207).

Da im Hinblick auf die Geschichte der Krankenpflege dem Beitrag von Astrid Stölzle über die „Kriegskrankenpflege im Zweiten Weltkrieg durch das Deutsche Rote Kreuz und die konfessionelle Krankenpflege am Beispiel der Kaiserswerther Diakonie“ eine besondere Bedeutung zukommt, wird er nachfolgend etwas ausführlicher vorgestellt. Davon ausgehend, dass die Schwestern vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) in den besetzten Gebieten eingesetzt waren, während die konfessionellen Schwestern in den Heimatlazaretten blieben, vergleicht die Autorin, die unter anderem bereits die beiden pflegehistorisch bedeutenden Arbeiten „Erlebnisse und Wahrnehmungen von Schwestern und Pflegern der freiwilligen Krankenpflege in den Etappen des Ersten Weltkriegs“ (Stuttgart 2012) und (zusammen mit Susanne Rueß) „Das Tagebuch der jüdischen Kriegskrankenschwester Rosa Bendit, 1914 bis 1917“ (Stuttgart 2012) publiziert hat, das DRK und die konfessionelle Krankenpflege am Beispiel der Kaiserswerther Diakonie. Anhand der amtlichen Quellen analysiert sie dabei, welche Erfahrungen in Bezug auf die Vorbereitung der Schwestern auf den kommenden Krieg von der nationalsozialistischen Führung genutzt und wie diese umgesetzt worden sind. Zugleich widmet sie sich der Frage, wie gut der nationalsozialistische Staat bezüglich der Pflege auf einen langen Krieg vorbereitet war und welche Rolle die kirchlichen Pflegekräfte trotz des Kirchenkampfes in seinen Kriegsplänen spielten. „Ziel ist es, zu zeigen, welche Rolle die Kriegskrankenpflege für den Nationalsozialismus spielte und umgekehrt, welchen Einfluss die nationalsozialistische Ideologie auf die Krankenpflege hatte. In diesem Zusammenhang soll herausgefiltert werden, welche Professionalisierungstendenzen bzw. Deprofessionalisierungstendenzen erkennbar baren“ (S. 24).

Ihre Darstellung der Rahmenbedingungen der Kriegskrankenpflege auf der politischen und organisatorischen Ebene stützt Astrid Stölzle hauptsächlich auf Quellen aus dem Bundesarchiv in Berlin und dem Archiv des Deutschen Caritasverbandes in Freiburg, dem Archiv des Verbandes der Schwesternschaften vom Roten Kreuz sowie dem Archiv der Kaiserswerther Diakonie. Demgegenüber fußt ihre Auswertung der Erfahrungen der Pflegepersonals auf Ergo-Dokumenten, die größtenteils von der Ostfront stammen und von der Wissenschaft bisher nur teilweise wahrgenommen wurden: 106 Briefe, ein Tagebuch und ein im Jahr 1988 verfasster Erinnerungsbericht aus dem Bestand der Badischen Schwesternschaft vom DRK, außerdem 158 Briefe und zwei Tagebücher aus dem Tagebucharchiv in Emmendingen und schließlich 114 (edierte) Briefe einer Schwester, die sich – im Gegensatz zu den anderen – offen zum Nationalsozialismus bekannte und konsequent danach zu leben schien. Ihnen gegenüber steht ein Konvolut aus 496 Briefen von Diakonissen aus den Heimatlazaretten in Soest, Herford, Trier, Bedburg-Hau und Essen sowie 145 entsprechende Antwortschreiben der Kaiserswerther Direktion.

Nach einer kurzen Einführung ins Thema mit Hinweisen zum Forschungsstand und Erkenntnisinteresse sowie den Quellen zeichnet die Autorin zunächst die Entwicklung der freiwilligen Krankenpflege von den Reichskriegen bis zum Zweiten Weltkrieg nach, bevor sie die Idealisierung des Schwesternberufs in der Schwesternwerbung und Schwesternpropaganda im Vorfeld des Krieges beleuchtet. Wie sie hierbei zeigt, wurde die Gleichstellung von Schwestern und Soldaten „erst von den Nationalsozialisten propagiert und die Schwestern des Ersten Weltkriegs nachträglich im Sinne der nationalsozialistischen Einstellung idealisiert. […] Da die deutschen Kriegsschwestern keine Uniform trugen, sollten sie mittels der NS-Propaganda dazu gebracht werden, sich als Teil der Militärstruktur zu verstehen“ (S. 32). In der Werbekampagne von 1937 für die NS-Schwesternschaft, den Reichsbund der freien Schwestern und Pflegerinnen e.V. und die Schwesternschaft des DRK sei zugleich versucht worden, das Interesse für die Kriegskrankenpflege zu wecken. Mit Worten wie „in die vorderste Front des Kampfes“ sowie der Bezeichnung der Schwester als „Kamerad“ und „Soldat“ sei die Kriegsschwester im Vorfeld des Krieges aufgewertet worden. Um die gefährliche Arbeit der Schwestern an den Fronten als heldenhaft darzustellen, habe das „Präsidiums Presse- und Werbeamt“ des DRK Hörfunkbeiträge veröffentlicht, deren Länge zwischen wenigen Minuten und einem abendfüllenden Programm mit Vorreden von Parteifunktionären und Musik variierten.

Breiten Raum nehmen sodann die Erlebnisse und Erfahrungen der Diakonissen im Spiegel ihrer Briefe ein. Nach allgemeinen Informationen zum Einsatz der Kaiserswerther Diakonissen berichtet Astrid Stölzle hierbei unter anderem über die Lebensbedingungen in den Resevelazaretten, die Versorgung kranker Schwestern, Urlaub und Freizeit der Schwestern, die Arbeit im Lazarett, Probleme in der Pflegepraxis und die Pflege im Kriegsverlauf, aber auch über persönliche Erfahrungen sowie Ideologie und christliches Wertesystem. Daran anschließend vergleicht sie den Heimateinsatz der Diakonissen mit dem Einsatz der DRK-Schwestern in den Kriegsgebieten.

Wie die Autorin zeigt, hatte die Organisation der Kriegskrankenpflege im Zweiten Weltkrieg in ihrer Struktur mit dem Ersten Weltkrieg „wenig, von den ideellen Inhalten her gar keine Gemeinsamkeiten mehr“ (S. 55). Dabei habe das DRK als zentrales Organ, mit einem hohen Parteifunktionär an der Spitze, eine zentrale Rolle gespielt, während die kirchlichen Organisationen, die noch im Ersten Weltkrieg gleichberechtigt neben dem Roten Kreuz an der Krankenpflege teilnahmen, sich in jeder Hinsicht unterordnen mussten. Bei der Gegenüberstellung der konfessionellen Schwestern in der Heimat mit den DRK-Schwestern in den Kriegslazaretten der besetzten Gebiete hätten sich „trotz der unterschiedlichen Kriegserlebnisse einige Gemeinsamkeiten“ (S. 56) gezeigt. So sei der Durchhaltewillen vieler auf beiden Seiten eher gering gewesen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

Mit der vorliegenden Untersuchung hat Astrid Stölzle wiederum einen wichtigen Beitrag zur historischen Pflegeforschung geleistet. Ihre Arbeit ist dabei umso beachtenswerter, als es im deutschsprachigen Raum im internationalen Vergleich nur wenig Forschungsliteratur zur Kriegskrankenpflege im Zweiten Weltkrieg gibt und ein Vergleich mit den konfessionellen Schwestern in der Heimat bislang fehlte.

Bleibt lediglich der Hinweis, dass man sich im Zusammenhang mit den im Text namentlich erwähnten beziehungsweise zitierten Personen Friedrich Constanz von Criegern-Thomitz (1834-1895), Henry Dunant (1828-1910), Sylvelyn Hähner-Rombach (1959-2019), Karin Huppertz (1894-1978), Liselotte Katscher (1915- 2012), Helene Mierisch (1896-1988), Otto Napp (1876- 1949), Florence Nightingale (1820-1910) und Hilde Steppe (1947-1999) einen Hinweis auf die entsprechenden Einträge im – bisher im Umfang von neun Bänden vorliegenden – von Horst-Peter Wolff (Bände 1-3) und Hubert Kolling (Bände 4-9) herausgegebenen „Biographische Lexikon zur Pflegegeschichte“ gewünscht hätte.

Insgesamt bietet die aktuelle Ausgabe von „Medizin, Gesellschaft und Geschichte“ wieder eine Reihe interessanter Beiträge zur Sozialgeschichte der Medizin und zur Geschichte alternativer Heilweisen, deren Lektüre empfehlenswert ist.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling