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Jun 05, 2020 Last Updated 11:41 AM, May 20, 2020

psychiatrie enqueteFelicitas Söhner
Psychiatrie-Enquete: mit Zeitzeugen verstehen Eine Oral History der Psychiatriereform in der BRD
Psychiatrie Verlag, Köln, 2020, 208 Seiten, 25,00 €, ISBN 978-3-88414-953-9

Der am 25. November 1975 überreichte Bericht über die Lage der Psychiatrie in Deutschland gilt als zentraler Impuls einer umfassenden Psychiatrie-Reform in der Bundesrepublik. Wer vorantreibende Persönlichkeiten der Psychiatrie- Enquete waren und welche Rahmenbedingungen als fruchtbarer Boden für reformerische Gedanken gesehen werden können, untersucht die Autorin unter Einbezug der Wahrnehmungen beteiligter Zeitzeugen verschiedener Berufsgruppen.

Dr. Felicitas Söhner ist Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Sie widmet sich neben der Geschichte der Psychiatrie auch Fragen des Kinderschutzes, sowie sozial- und medizingeschichtlichen Themen.

Das vorliegende Werk umfasst eine ausführliche Darstellung bereits entstandener Zeitschriftenartikel zur Thematik. Es in die folgenden Kapitel gegliedert:

  • Geschichte der Reform
  • Rahmenbedingungen im Vorfeld der Psychiatrie-Enquete
  • Reformorientierte Akteure
  • Fachliche Entwicklungen
  • Impulse aus anderen Disziplinen und
  • Vier abschließende Thesen zur reformorientierten Psychiatrie in der jungen Bonner Republik.

Die Autorin beschreibt zu Beginn den historischen Kontext reformorientierter Entwicklungen in der Psychiatrie nach 1945. Sie zeigt die bedeutende Rolle internationaler Erfahrungen von Fachvertretern sowie gesellschaftlicher, sozialpolitischer und medialer Einflüsse im Zeitgeist der 68er-Bewegung auf. In ihrer Arbeit wird deutlich, wer wichtige Akteure verschiedener Generationen und Denkschulen innerhalb und außerhalb von Fachkreisen waren. Söhner diskutiert Fortschritte im Bereich der Pharmakopsychiatrie sowie die Rolle verschiedener Berufsgruppen in der Psychiatrie hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Reform. Die Erkenntnisse aus schriftlichen Quellen jedes Kapitels ergänzt die Verfasserin durch Zeitzeugenberichte, die aus insgesamt 28 Interviews mit der Methode der Oral History erfasst wurden. Diese erscheinen nicht nur wertvoll, um subjektive Färbungen und Eindrücke für spätere Generationen festzuhalten, sondern überbrücken auch die zeitliche Distanz und machen die Entstehungsgeschichte für den Leser lebendig.

Gerade für Professionelle, die neu in der Psychiatrie- Welt sind, stellt das Buch eine gute Anregung dar, die eigene Rolle immer wieder zu hinterfragen. Gleichzeitig bietet es durch seine methodische Herangehensweise auch Detailwissen – für die, die meinen schon alles gesehen zu haben.

Eine Rezension von Ingmar Vater