fbpx
Jun 05, 2020 Last Updated 11:41 AM, May 20, 2020

gumpertzsches siechenhausBirgit Seemann, Edgar Bönisch
Das Gumpertz’sche Siechenhaus – ein „Jewish Place“ in Frankfurt am Main
Geschichte und Geschichten über eine jüdische Wohlfahrtseinrichtung im Frankfurter Ostend im 20. Jahrhundert

Verlag Brandes & Apsel, Frankfurt am Main, 2019 300 Seiten, 29,90 €, ISBN 978-3-95558-253-1

Im Mittelpunkt des vorliegenden Buches, das vom „Verein zur Förderung der historischen Pflegeforschung e.V.“ in Frankfurt am Main (vgl. http://verein-pflegegeschichte.de/) herausgegeben wird, steht das Gumpertz’sche Siechenhaus, eine seit Ende des 19. Jahrhunderts bedeutende jüdische Pflegeeinrichtung am Röderberg im Frankfurter Ostend, die 1941 von den NS-Behörden geschlossen wurde. Verfasser*innen sind Dr. phil. Birgit Seemann und Dr. phil. Edgar Bönisch, die beide – promovierte/r Sozialwissenschaftlerin und Historikerin beziehungsweise Ethnologe – als Wissenschaftliche Mitarbeiter*innen im Forschungsprojekt „Jüdische Pflegegeschichte“ an der Frankfurter University of Applied Sciences (vgl. http:// www.juedische-pflegegeschichte.de/) tätig sind und bereits zahlreiche Fachbeiträge zur Biografie-, Institutionen- und Berufsgeschichte der jüdischen Krankenpflege in Deutschland veröffentlicht haben.

Auf der Grundlage unterschiedlicher Quellen aus zahlreichen Archiven in Deutschland, Israel, Großbritannien, Frankreich und den USA, darunter Archivalien, Texte und Fotos sowie Gespräche mit Zeitzeug*innen, rekonstruieren die Autor*innen die Geschichte des Gumpertz’schen Siechenhauses von seiner Entstehung im jüdisch geprägten Ostend am Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts, wobei sie auch die soziale Funktion und Ausstrahlung der Pflegeeinrichtung innerhalb der jüdischen Gemeinde Frankfurts betrachten. Ihre Forschungsergebnisse präsentieren sie nicht nur in der Dimension einer historischen Rekonstruktion entlang einer Zeitachse, sondern verorten die Entwicklung im wahrsten Sinne des Wortes in der Geschichte des Hauses, in den Raum als solchen. Damit greifen sie den aktuellen Diskurs um „Jewish Space“ und „Jewish Place“ auf und weben ihn in die Erzählung über die Geschichte des Hauses ein. Eingebettet in dieses „Raum-Zeit-Kontinuum“, wie es der Historiker und Publizist Karl Schlögel in seiner Schrift „Im Raume lesen wir die Zeit“ (München, Wien 2003) formulierte, werden so unter anderem die Akteur*innen, die Gründer*innen, die Bewohner*innen und die Pflegenden vorgestellt, ebenso wie die Mieter*innen des Gumpertz’schen Siechenhauses in der Zeit nach dem Krieg.

Das Monica Kingreen (1952-2017), die seit 2009 für das Pädagogische Zentrum des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischen Museums Frankfurt tätig war, und ihrem Lebenswerk gewidmete Buch gliedert sich nach drei Grußwörtern (Peter Feldmann, Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt am Main; Prof. Dr. Frank E.P. Dievernich, Präsident der Frankfurt University of Applied Sciences und Prof. Dr. Leo Latasch, Mitglied des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main), einem Geleitwort des Herausgebers (Hilde Schädle-Deininger) und der Einleitung (Eva-Maria Ulmer und Gudrun Maierhof) in sieben Haupt- und zahlreiche Unterkapitel. In ihrem Geleitwort weist Hilde Schädle-Deininger als Vorstandsmitglied des Vereins zur Förderung der historischen Pflegeforschung e.V. darauf hin, dass der Verein sich dem Buchprojekt in besonderer Weise verbunden fühlt, weil die Veröffentlichung eng mit seinen Zielen zusammenhängt. Die Ziele des Vereins, der 1999 anlässlich des Todes von Hilde Steppe entstand, seien unter anderem die Unterstützung von Projekten im Bereich der historischen Pflegeforschung und Lehre sowie den Nachlass Hilde Steppes aufzuarbeiten, zu sichern und ihre Ansätze weiterzuverfolgen. Wörtlich führt sie sodann weiter aus: „Vor dem Hintergrund ihres Schaffens ist dieses Buch entstanden, das sich erweiternd mit der spezifischen Entwicklung im Frankfurter Ostend befasst“ (S. 17).

Wie Eva-Maria Ulmer und Gudrun Maierhof in ihrer Einleitung schreiben, wurde das Gumpertz’sche Siechenhaus, eingerichtet für kranke, arme und bedürftige Jüdinnen und Juden im Frankfurter Ostend, nach seiner Stifterin Betty Gumpertz (1823-1909) benannt. Es habe seinen Standort ab 1892 zunächst in der Ostendstraße 75, ab 1898 teilweise schon im Röderbergweg 62-64 und seit 1907 in einem großen Neubau auf diesem Grundstück gehabt und bis 1941 als jüdische Pflegeeinrichtung gedient. Zur Bedeutung und Intention der Veröffentlichung halten sie sodann wörtlich fest: „Das Haus erzählt viele Geschichten, die wir mit dem Diskurs um „Jewish Space“ (jüdischer Raum) und „Jewish Place“ (jüdischer Ort) verbinden möchten. Damit betonen wir die Dimension Raum in der Zeit und „lesen“ – wie Schlögel formulierte – „im Raume die Zeit“. […] Indem wir die Geschichte des Gumpertz’schen Siechenhauses erzählen, geben wir Einblicke in viele Dimensionen, die sich in die Diskurse um Kontinuitäten und Brüche jüdischen Lebens in Frankfurt am Main und in Deutschland einbetten lassen“ (S. 20).

Im ersten Kapitel beleuchtet Edgar Bönisch unter der Überschrift „‘An einem der luftigsten und freundlichsten Punkte unserer Stadt, auf dem Röderberge…‘“ (S. 25-39) die Entwicklung des Raums Röderberg im Laufe der Zeit und im Kontext der Stadtentwicklung Frankfurts. Wie er hierbei zeigt, wurde die Gegend bis Ende des 18. Jahrhunderts landwirtschaftlich genutzt, unter anderem mit Weinbau, bevor dann der Umbruch hin zu einem Erholungs- und Villengebiet für wohlhabende Frankfurter Bürger*innen begann.

Im 19. Jahrhundert erhielt das Frankfurter Ostend, wie von Edgar Bönisch im zweiten Kapitel, „Das jüdisch geprägte Ostend und die jüdischen Institutionen im Röderbergweg“ (S. 41-72), nachgezeichnet, seine jüdische Prägung, es entwickelte sich zum „Jewish Space“, der die Ausbildung eines jüdischen Bildungs- und Wohlfahrtsnetzwerkes im Röderbergweg förderte. Aufgereiht wie auf einer Perlenkette finden sich dort die Israelitische Volksschule (Röderbergweg 29), die Israelitische Versorgungsanstalt (Röderbergweg 77), die Israelitische Waisenanstalt (Röderbergweg 87), das Hospital der Georgine Sara von Rothschild’schen Stiftung (Röderbergweg 93-97), das Mathilde von Rothenschildsche Kinderhospital (Röderbergweg 93-97), das Mathilde von Rothenschildsche Kinderhospital (Röderbergweg 109), und auf der anderen Straßenseite gelegen, das Gumpertz’sche Siechenhaus (Röderbergweg 62-64). Im dritten Kapitel, „Ein ‚Jewish Place‘ der Pflege: das Gumpertz’sche Siechenhaus in den Jahren 1888 bis 1906“ (S. 73-96), beschreibt Birgit Seemann die Entstehung des Gumpertz’schen Siechenhauses als Institution sozialpflegerischer Aktivitäten und als Ausdruck religiös begründeter Wohlfahrt. Wie sie hierbei verdeutlicht, griff die Stifterin, Betty Gumpertz, die drängende Not mittelloser und pflegebedürftiger Jüdinnen und Juden auf und gründete 1888 zum Andenken an Ehemann und Sohn das Siechenhaus, wobei die stationäre Einrichtung für chronisch kranke, pflegebedürftige und bettlägerige Bedürftige jüdischer Religion, beiderlei Geschlechts und aller Altersgruppen professionelle Kranken-, Behinderten-, Alten- und Armenpflege unter einem Dach vereinte. Wörtlich hält die Autorin fest: „Das Gumpertz’sche Siechenhaus kann als ein „Jewish Space“ verstanden werden, an dem die jüdische Sozialethik in der Armen- und Krankenpflege bewusst verwirklicht wurde. An diesem Ort – jüdisch „Makom“ – fanden die Mitzwot (religiöse Pflichten), soziale Gerechtigkeit (Zedaka) und tätige Nächstenliebe (Gemilut Chessed) ihren sichtbaren Ausdruck“ (S. 74). Bemerkenswert ist dabei, dass an dieser Gründung und deren Entwicklung nicht nur eine Person, sondern ein Netzwerk von Stifter*innen und jüdischen Institutionen beteiligt waren.

Im vierten Kapitel, „Stifterinnen, Bewohnerinnen und zwei Oberinnen – Frauengeschichte(n) rund um das Gumpertz’sche Siechenhaus in den Jahren 1907 bis 1932“ (S. 97-141), zeigt Birgit Seemann nicht nur auf, dass die Stiftung von Betty Gumpertz besonders durch Zuwendungen aus der Familie Rothschild unterstützt wurde, sondern gewährt auch tiefe Einblicke in das tägliche Leben im Gumpertz’schen Siechenhaus, nicht zuletzt während des Ersten Weltkriegs (1914-1918) und in den Krisenjahren der Weimarer Republik.

Durch die vom NS-Staat gezielt forcierten rassistisch- antisemitischen Verfolgungen wuchsen auch im Gumpertz’schen Siechenhaus Unruhe und Fluktuation. Unter der Überschrift „‚Familie‘ und ‚Schicksalsgemeinschaft‘ – die Kehilloh Gumpertz in der NS-Zeit (1933- 1941)“ (S. 143-175) geht Birgit Seemann im fünften Kapitel der Frage nach, wie die Gemeinschaft der Gepflegten und Pflegenden zur Zeit des Nationalsozialismus auseinandergetrieben und zerstört wurde und wie sich die allmähliche gewalttätige Verdrängung und Vernichtung der Menschen sowie der Institution bis 1945 vollzogen hat. Mit der Nachkriegszeit begann ein neuer Abschnitt in der Geschichte des Hauses, wobei nun unter anderen Handwerker*innen und Künstler*innen den Ort übernahmen, der bis zum Abriss des Gebäudes Ende der 1980er Jahre andauerte. Dieser wechselvollen Nachkriegsgeschichte widmet sich Edgar Bönisch im sechsten Kapitel unter der Überschrift „Der Röderbergweg 62-64 nach dem Zweiten Weltkrieg“ (S. 177-206). Im siebten Kapitel, „‚Was hätte aus diesem Haus noch alles werden können…‘ – neu entdeckte Orte der Erinnerung an das Gumpertz’sche Siechenhaus“ (S. 207-224), stellen Edgar Bönisch und Birgit Seemann schließlich Orte der Erinnerung an das Gumpertz’sche Siechenhaus, seine Bewohner*innen, die dort Arbeitenden sowie die Stifterinnen und Stifter vor: Denkmäler, Grabstätten, Straße, Plätze und Stolpersteine zu pflegehistorischen Erkundungen und Routen durch Frankfurt am Main.

Ergänzt wird die durch zahlreiche Schwarzweiß- und Farbabbildungen illustrierte Darstellung, die über einen soliden Anmerkungsapparat verfügt, durch ein Verzeichnis der Quellen, Literatur und Links (S. 225-250) und einen Bildnachweis (S. 251-256).

Insgesamt betrachtet vermittelt die vorliegende Veröffentlichung, die exemplarisch für den Werdegang auch anderer jüdischer Wohlfahrtseinrichtungen in Frankfurt am Main steht, einen eindringlichen und mehrdimensionalen Blick auf die Geschichte einer vergangenen Institution der Krankenpflege und eines Stadtviertels hinter dem heutigen Erscheinungsbild der Häuser, Straßen und Plätze im Frankfurter Ostend. Insofern ist der beeindruckenden und spannend zu lesenden Arbeit, die gleichermaßen ein wichtiger Beitrag zur Frankfurter Stadtgeschichte wie zur jüdischen Pflegegeschichte ist, weite Verbreitung und eine große Leserschaft zu wünschen.

Eine Rezension von Dr. Hubert Kolling