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Jul 23, 2019 Last Updated 11:52 AM, Jul 22, 2019

Forschungswelten 2019

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Lernwelten 2018

Lernwelten 2018 18. internationaler wissenschaftlicher Kongress für Pflege- und ...

ks rezBirgit Panke-Kochinke
Krankenschwesternromane (1914-2018)
Kontexte – Muster – Perspektiven
Mabuse-Verlag. Frankfurt am Main 2019, 153 Seiten, broschiert, ISBN 978-3-86321-423-4, 24,95 Euro

Obwohl die Pflegeberufe in den letzten Jahrzehnten eine enorme Wandlung erfahren haben, halten sich einige Vorurteile über Krankenschwestern hartnäckig. Sie gelten vielfach als pflichtbewusste und selbstlose Frauen, die immer auf der Suche nach der wahren Liebe sind. Als geeigneter Heiratspartner kommen dabei nur ein Arzt oder ein ehemaliger Patient infrage. Dieses Stereotyp wird zumindest in sogenannten Trivialromanen gern bedient, wie Priv. Doz. Dr. phil. Birgit Panke-Kochinke
in ihrem vorliegenden Buch zeigt.

Die Autorin, die als promovierte Historikerin und habilitierte Soziologin bis 2017 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Witten und als Lehrbeauftragte der Universität Osnabrück und der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum arbeitete, hat neben zahlreichen Beiträgen in Pflegefachzeitschriften, insbesondere in „Pflege & Gesellschaft“, „PflegePädagogik“, „Pädagogik der Gesundheitsberufe“ und „Pflegewissenschaft“, bereits mehrere historisch-soziologische Studien zur Frauen- und Geschlechterforschung sowie zur Pflegewissenschaft veröffentlicht, darunter: „Die Wechseljahre der Frau: Aktualität und Geschichte (1772-1996)“ (Opladen 1998), „Fachdidaktik der Berufskunde Pflege“ (Bern 2000), „Gewalt gegen Pflegende. Analyse und Intervention“ (Frankfurt am Main 2007), „Berufliche Handlungskompetenz erwerben. Ergebnisse der qualitativen Evaluation eines Curriculums in der Gesundheits- und Krankenpflege“ (Frankfurt am Main 2011), „Menschen mit Demenz in Selbsthilfegruppen. Krankheitsbewältigung im Vergleich zu Menschen mit Multipler Sklerose“ (Weinheim und Basel 2013) und „Let‘s work together. Schulentwicklung in der beruflichen Ausbildung an Pflegeschulen“ (Frankfurt am Main 2016).

Zur Geschichte der Krankenpflege sind unterdessen vor allem ihre Studien „Die Geschichte der Krankenpflege (1679-2000). Ein Quellenbuch“ (Frankfurt am Main 2001), (gemeinsam mit Monika Schaidhammer-Placke) „Frontschwestern und Friedensengel: Kriegskrankenpflege im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Ein Quellen- und Fotoband“ (Frankfurt am Main 2002) und „Unterwegs und doch daheim. (Über-)Lebensstrategien von Kriegskrankenschwestern im Ersten Weltkrieg und in der Etappe“ (Frankfurt am Main 2004) bedeutsam.

Für ihre wissenschaftliche Analyse hat Birgit Panke-Kochinke knapp 300 Romane aus der Zeit von 1914 bis 2018 ausgewertet, in denen Krankenschwestern und – als Vergleichsgruppe – Sekretärinnen als zentrale Handlungsfiguren im Mittelpunkt der Erzählung stehen. Ursprünglich ging es ihr dabei lediglich darum, wie sie einleitend (Kapitel 1) schreibt, „das Bild der Protagonistinnen in diesen Romanen als mentalitätsgeschichtlich relevante Beschreibung eines fiktiven Berufs- und Lebensfeldes in einem bestimmten historischen Zeitrahmen zu rekonstruieren“ (S. 10). Doch je mehr Romane sie las und immer stärker deutlich wurde, dass das zentrale Thema dieser Romane die „Liebe“ war, veränderte sich ihr Blickwinkel: „Das Berufsbild einer Krankenschwester und einer Sekretärin war nicht mehr als eine zeitgenössische Kulisse für die Suche nach und das Finden der wahren Liebe“. Dementsprechend fragt sie jetzt nicht nach der Darstellung der Veränderungen im alltäglichen Leben, die sich auf Kleidung, Wohnambiente, Freizeitverhalten etc. beziehen. Im Zentrum ihrer Untersuchung steht vielmehr „die Frage nach einer Veränderung in dem als Grundmodell identifizierten Konzept der wahren Liebe und ihren alternativen Lebensmodellen. Die Festschreibung von moralischen und ethischen Standards in der Lebensführung und ihr Einfluss auf das Konzept der wahren Liebe unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Stellung der Frau in der Geschichte und damit auch der Bedeutung des Berufes werden betrachtet“ (S. 12).

Zunächst beschäftigt sich die Autorin (Kapitel 2) mit der Funktion von Trivial-Romanen. Indem sie Normen und Wertvorstellungen reproduzieren, die von einem großen Teil der Bevölkerung vertreten werden, würden sie deren „Wunsch nach Orientierung“ bedienen und „einen Bewußtseinsstand, der sich permanent und ungestraft ausnutzen lässt“ (S. 25) stabilisieren. Letztlich könnten Trivial-Romane als „sinnschöpfende Produkte“ beschrieben werden, die dazu dienen, die eigene Position zu stärken, sich zu emanzipieren und Manipulationsversuchen zu widerstehen. Wenn so „Kultur als eine Art Schlachtfeld zur Aushandlung kultureller Bedeutungskonstruktionen“ gesehen wird, dann spiele sich der Umgang der Leserinnen und Leser mit Trivialromanen „im Feld zwischen Affirmation und Akzeptanz als ein komplexer Prozess ab“ (S. 26).

Nach Darlegung der Methoden (Kapitel 3) – einfache hermeneutische Verfahren der Textanalyse, die mit quantitativen Elementen kombiniert werden – folgen zwei aufeinander aufbauende Auswertungsschritte zur Erschließung der „Muster“. In einem ersten Schritt rekonstruiert Birgit Panke-Kochinke dabei quantitativ und qualitativ die unter den Kontextfaktoren „Berufsfeld, Fiktionalität, Zufall und Schicksal sowie Liebe subsumierten Strukturelemente“ in einer Auswahl von 154 Romanen (Kapitel 4), bevor sie dann in einem zweiten Schritt ergänzend und vertiefend den Blick auf die Dramaturgie des Ablaufes, die Interpretation des Berufsfeldes als Kulissenelement dieser Dramaturgie sowie die Spezifik des Spannungsaufbaus im Roman durch das Einflechten von Konflikten und Prüfungen in der Analyse von weiteren 144 Romanen in den Blick nimmt (Kapitel 5).

Bei ihrer Untersuchung, so ein zentraler Punkt der Ergebnisse (Kapitel 6), konnte die Autorin deutliche Unterschiede zwischen den „Krankenschwestern“ und der Vergleichsgruppe der „Sekretärinnen“ erkennen: „Krankenschwestern sind in einem hohen Umfang, ob als junge Mädchen in der Ausbildung, als gläubige Christinnen oder kritische Angehörige ihres Berufs immer von dem ethischen Hintergrund ihres Berufsfeldes geprägt: Pflege erscheint als der ideale Hintergrund für die Ausprägung einer Haltung der Nächstenliebe. Hilfsbedürftigen Menschen in ihrer Not zu helfen prädestiniert geradezu dafür.“ (S. 107).

Aufbauend auf ihre Untersuchungsergebnisse entwirft Birgit Panke-Kochinke inhaltliche und methodische Perspektiven für zukünftige Forschungen (Kapitel 7). So schlägt sie beispielsweise vor, um den Charakter der Sterotypisierung im Trivialroman gegenüber der zeitgenössischen Realität des Berufsbildes besser zu konstatieren, dieses Bild mit autobiografischen Schriften und zeitgenössischen Quellen zur Berufssituation zu konfrontieren. Ebenso könne es eine spannende Untersuchungsperspektive sein, mehr als bisher geschehen, auch den gesellschaftskritischen Elementen von Trivialromanen nachzugehen.

Ergänzt wird die Darstellung durch eine Literaturliste, die die in die Analyse einbezogenen Romane enthält
(Kapitel 8), und einen Anhang mit einer Übersicht über die Autorinnen- und
Autorenpseudonyme sowie ausgewählte Inhaltsangaben der untersuchten Werke (Kapitel 9). Eine vollständige Übersicht mit allen Inhaltsangaben verspricht der Hinweis auf die Webseite www.krankenschwesternromane.com, die beim Entstehen der vorliegenden Rezension (im März 2019) aber (noch) nicht abrufbar war.

Insgesamt betrachtet hat Birgit Panke-Kochinke mit ihrer Untersuchung über das Bild von Krankenschwestern in Trivialromanen erstmals ein von der Pflegeforschung bislang völlig vernachlässigtes Thema aufgegriffen und dabei aus einer mentalitätsgeschichtlichen Perspektive anschaulich die oft unbewussten gesellschaftlichen Standards rekonstruiert, die Pflege als Beruf trotz aller Modernisierungsbemühungen immer noch begründen und behindern. Vielleicht regt ihre interessante Arbeit auch dazu an, beispielsweise das Genre Unterhaltungsfilm, in dem Krankenschwestern (und – als Vergleichsgruppe – Ärzte) als zentrale Handlungsfiguren im Mittelpunkt stehen, unter ähnlicher Fragestellung wissenschaftlich zu untersuchen.

Dr. Hubert Kolling

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