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Forschungswelten 2019

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Lernwelten 2018

Lernwelten 2018 18. internationaler wissenschaftlicher Kongress für Pflege- und ...

dfhddJohn von Düffel
Nebel im August
(Der Fall Ernst Lossa vor Gericht)
Dokumentarstück von John von Düffel. Nach der Romanbiografie von Robert Domes. Für das Bildungswerk des Bayerischen Bezirketags herausgegeben von Stefan Raueiser und Kathrin Mädler (Impulse, Band 14).
Grizeto Verlag. Irsee 2018, 152 Seiten, broschiert,
ISBN 978-3-9816678-9-9, 23,80 €

Nach der Untersuchung „Wir waren wie eine große Familie“ (Irsee 2017), in dem der gelernte Journalist Robert Domes (http://www.robertdomes.com/) der Frage nachgeht, wie sich das Leben und die Alltagsrealität für die Patientinnen und Patienten der geschlossenen Heil- und Pflegeanstalt in Irsee zwischen 1945 und der Auflösung der Einrichtung im Jahre 1972 in Erinnerungen von Zeitzeugen gestaltete, hat das Bildungswerk des Bayerischen Bezirkestags nun das Buch „Nebel im August (Der Fall Ernst Lossa vor Gericht)“ herausgegeben. Verantwortlich hierfür zeichnen sich Dr. phil. Stefan Raueiser, Leiter des Schwäbischen Tagungs- und Bildungszentrums Kloster Irsee und des Bildungswerks des Bayerischen Bezirkestags, und die Dramaturgin sowie Theater- und Literaturwissenschaftlerin Dr. phil. Kathrin Mädler, seit 2016 Intendantin des Landestheaters Schwaben in Memmingen.

Der Bayerische Bezirkestag, ein kommunaler Spitzenverband in Bayern, der die sieben bayerischen Bezirke vertritt (vgl. www.bay-bezirke.de), unterhält mit dem Bildungswerk Irsee ein zentrales Bildungsinstitut, das Angehörigen der Verwaltungen, Krankenhäuser und ambulanten Dienste aller bayerischen Bezirke vielfältige Seminare, Workshops und Kurse der beruflichen Fort- und Weiterbildung anbietet. Darüber hinaus richtet sich das Bildungsprogramm auch an die komplementären Dienste der Psychiatrie, an niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten, an Altenhilfe- und Rehabilitationseinrichtungen sowie an somatische Krankenhäuser und Sozialstationen (vgl. www.bildungswerk-irsee.de).

„Nebel im August“ erscheint als Band 14 der vom Bildungswerk Irsee herausgegeben Schriftenreihe
„Impulse“, in der unter anderem auch die Arbeiten von Stefan Raueiser und Wolfgang Schreiber „Psychiatrie in Bewegung: Das psychiatrische Versorgungssystem der Zukunft“ (Irsee 2011) sowie Magdalene Heuvelmann

„‚Wer in einer Gottesferne lebt, ist im Stande, jeden Kranken wegzuräumen.‘ ‚Geistliche Quellen‘ zu den NS-Krankenmorden in der Heil- und Pflegeanstalt Irsee“
(Irsee 2013) erschienen.

Zu den zahlreichen Veröffentlichungen, die in vorbildlicher Weise bisher vom Schwäbischen Bildungszentrum Irsee zu ihrer Institutionengeschichte herausgegeben wurden, gehören ferner beispielsweise auch die Bücher von Gerald Dobler „Von Irsee nach Kaufbeuren. Die Erweiterungsplanungen der Kreisirrenanstalt Irsee ab 1865 bis zum Neubau der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren 1872“ (Irsee 2013) und „Warum Irsee? Die Gründungsgeschichte der Kreis-Irrenanstalt Irsee vom Ende der 1820er Jahre bis zur Eröffnung 1849 und ihr Ausbau bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts“
(Irsee 2014).

Um was geht es in dem vorliegenden Band? Im Juli 1949 musste sich der ehemalige Ärztliche Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren / Irsee gemeinsam mit vier weiteren Personen vor dem Landgericht Augsburg für ihre Beteiligung an den „Euthanasie“-Morden während der NS-Zeit verantworten. Dr. Valentin Faltlhauser (1876-1961) wurde beschuldigt, von Ende 1939 bis Mitte 1941 „in einer unbestimmten Zahl von Fällen vorsätzlich und mit Überlegung Menschen gemeinschaftlich mit anderen getötet“ und von Dezember 1941 bis Ende April 1945 „in einer unbestimmten Zahl […], mindestens jedoch in 350 bis 360 Fällen […] heimtückisch und grausam getötet“ zu haben. Zu den weiteren Angeklagten im selben Prozess gehörten auch mehrere Pflegekräfte, darunter Paul Heichele (1896-1979), Olga Rittler (1901-1979) und Mina (Philomena) Wörle (1895-1973).
Der Theater- und Filmkritiker sowie Schauspieldramaturg Johann von Düffel (www.johanvondueffel.de), der seit 2009 am Deutschen Theater Berlin wirkt, hat aus den historischen Prozessakten, die der Romanfigur „Nebel im August. Die Lebensgeschichte des Ernst Lossa“ (München 2008) von Robert Domes zugrunde liegen, ein Dokumentarstück geschaffen, „das Sprache wie Logik der Täter seziert und freilegt“. Der vorliegende Band dokumentiert nach drei einleitenden „Gesprächen“ (S. 15-27) zur Vorgeschichte der Bühnenfassung dieses eindrückliche „Oratorium der Schuld“, in dessen Mittelpunkt das Schicksal eines jugendlichen Opfers der NS-„Euthanasie“ in der Heil- und Pflegeanstalt Irsee steht (S. 31-113). Ergänzt wird die Darstellung, in der auch eine Vielzahl aussagekräftiger Fotografien von Karl und Monika Forster (www.forsterdessign.de) von der Uraufführung am Landestheater Schwaben in Memmingen dokumentiert werden, durch drei „Beiträge“, in denen Dr. med. Michael von Cranach, Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses (BKH) von 1980 bis 2006, über das Gedenken an Ernst Lossa (S. 115-120), Kathrin Mädler über den Entwicklungsprozess der Uraufführung (S. 121-128) und der Historiker Dr. phil. Dietmar Schulze über die historische Prozessberichterstattung (S. 129-141) berichten.

Josef Mederer, seit 2008 Bezirkstagspräsident von Oberbayern und seit 2013 zusätzlich Präsident des Bayerischen Bezirketags, hat zu dem Buch ein Geleitwort beigesteuert, in dem er darauf hinweist, dass die Veröffentlichung ein weiterer Baustein für das angestrebte Ziel sei, „eine Erinnerungskultur zu schaffen, die die Menschen anspricht, die nichts verschweigt und die dadurch sensibilisiert. Niemals darf vergessen werden, was damals geschah, und bislang Verborgenes muss bis ins Detail aufgearbeitet werden. Das sind wir den Opfern und ihren Angehörigen, aber auch uns selbst schuldig. Die Erinnerung an die Grausamkeit, an das Versagen jeder Menschlichkeit an diesem Tiefpunkt unserer Geschichte muss unbedingt wachgehalten werden – in diesem Bestreben dürfen wir nicht nachlassen“ (S. 6).

In seinem Editorial „… ein Erinnerungsort, an dem wir die Toten zu uns rufen“ (S. 7-9) erinnert Stefan Raueiser an das Schicksal des am 1. November 1929 in Augsburg in einer jenischen Familie geborenen Jungen
Ernst Lossa, der nach mehreren Heimaufenthalten mit häufigen Ortswechseln am 20. April 1942 in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren eingewiesen und schließlich am 5. Mai 1943 in den Anstaltsteil Irsee abgeschoben wurde, wo er am Abend des 8. August 1944 – unter dem Vorwand einer Typhusimpfung – durch zwei Spritzen mit Morphium-Scopolamin „euthanasiert“, sprich ermordet wurde. Zur Bedeutung und Intention des Buches hält er wörtlich fest: „Indem wir unsere bayerisch-schwäbischen Mikrostudien über die einstige Kreis-Irren- bzw. Heil- und Pflegeanstalt Irsee (1849-1972) in den Diskurs des bundesweiten Arbeitskreises zur Erforschung der nationalsozialistischen ‚Euthanasie‘ und Zwangssterilisation einbringen, gewinnen wir immer neue Perspektiven, um die Geschehnisse vor Ort in den Gesamtzusammenhang der nationalsozialistischen Psychiatrieverbrechen einzuordnen“ (S. 9).

Dass das Bildungswerk des Bayerischen Bezirketags den vorliegenden Band herausgegeben hat, ist sehr zu begrüßen, da er einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der NS-„Euthansie“-Verbrechen leistet. Der Veröffentlichung kommt dabei vor allem unter pflegehistorischen Gesichtspunkten eine große Bedeutung zu, weil hier neben dem Arzt Valentin Faltlhauser auch gleich mehrere an den NS-„Euthanasie“-Verbrechen beteiligten Schwestern und Pfleger, namentlich Paul Heichele, Olga Rittler und Mina (Philomena) Wörle, ausführlich zu Wort kommen, die tiefe Einblicke in ihre Gedankenwelt sowie zu ihrem Verständnis zum Verhältnis zwischen den Ärzten und dem Pflegepersonal gewähren. Insofern sollte das spannend zu lesende Buch von möglichst vielen Ausbildungseinrichtungen des Gesundheitswesens angeschafft und aktiv in die Hände des angehenden Pflegepersonals gelegt werden. Hierzu sei angemerkt, dass sich einzelne Textpassagen methodisch-didaktisch sowohl unter ethisch-moralischen Gesichtspunkten als auch zur Geschichte der Krankenpflege in der NS-Zeit im Unterricht vortrefflich einsetzen lassen.

Dr. Hubert Kolling

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