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Who was who in nursing history: PINDING, Maria
PINDING, Maria
Artikel von: H. Kolling
Erschienen in Band 3, Seite(n) 220-224.
 

Biographie

Ihr lag gleichermaßen die Sozialmedizin wie die frühe bundesdeutsche Pflegeforschung am Her-zen - Maria Pinding, die am 23. März 1932 als älteste Tochter von Edgar (1902-1943) und seiner Ehefrau Erna P., geborene Israel-Tiedt (1899-1992), in Mannheim das Licht der Welt erblickte. Ihre Mutter, die zeitlebens Haus-frau war, stammte aus Fürstensee bei Neustrelitz (Mecklenburg), ihr Vater aus Riga. Nach mehreren Versuchen, sich in Deutschland eine berufliche Existenz aufzubauen, absolvierte letzterer in Mar-burg beim Deutschen Gemeinschaftsdiakoniever-band (DGD) eine Ausbildung zum Prediger (Volks-missionar, Evangelist); seine erste Gemeinde, die er über einen Zeitraum von fünf Jahren betreute, war Mannheim. 1933 zog die Familie Pinding nach Marburg um, wo Maria von 1938 bis 1942 die Grundschule besuchte. Anschließend wurde sie Schülerin der „Elisabeth-schule“, einem Staatlichen Realgymnasium für Mädchen, die sie 1951 mit der Hochschulreife ver-lies. Von 1953 bis 1955 studierte sie an der Philipps-Universität Marburg Medizin und setzte ihr Studium – nach bestandenen ärztlicher Vorprüfung - im Wintersemester 1955/56 in Wien und im Sommer-semester 1956 in München fort. Im Wintersemester 1956/57 wieder nach Marburg zurückgekehrt, schloss sie ihr Studium nach dem elften Fachse-mester im Dezember 1958 mit dem Staatsexamen ab. 1959 promovierte sie zum „Dr. med.“ mit einer 100 Seiten umfassenden Arbeit über „Somatopatho-logische Befunde bei der Schizophrenie des Kindes- und Jugendalters“ . Anschließend arbeitete sie bis zum 31. Dezember 1971 (vom 1. Februar 1969 bis 31. Dezember 1971 wurde ihr Sonderurlaub ohne Bezüge gewährt) als wissenschaftliche Assistentin am Universitätsklinikum Gießen. Schon während ihrer Weiterbildung zur Fachärztin für Innere Medizin – die Anerkennung erfolgte 1968 – galt ihr Augenmerk den Überschneidungs-bereichen von Medizin und Gesellschaft. Richtungs-weisend beeinflusst wurde sie hierbei von Prof. Thure von Üxküll, der sich schwerpunktmäßig mit psychosomatischer Medizin beschäftigte. Maria Pin-ding fiel der direkte Kontakt mit den Patienten schwer, insbesondere die enge Grenze zwischen Le-ben und Tod und das Leiden der Patienten belasten sie schwer. Dies war der wesentlichste Grund dafür, warum sie auch keine eigene Praxis betreiben wollte. Sie knüpfte vielmehr aufgrund ihres Inter-esses an der Tiefenpsychologie und Soziologie Kon-takte zu anderen Einrichtungen, wie etwa dem Frankfurter Institut für Sozialforschung. Seit dieser Zeit wurde ihr die „Sozialmedizin“ zum existentiellen Anliegen. Zum 1. Januar 1972 über-nahm sie eine Stelle für Sozialmedizin beim Bundes-gesundheitsamt (BGA) in Berlin und wurde zur wis-senschaftlichen Obermedizinalrätin, später zur wis-senschaftlichen Direktorin ernannt. Hier arbeitete sie eng mit dem Soziologen Hermann Fischer-Harrie-hausen zusammen, mit dem sie eine Reihe von Fach-beiträgen veröffentlichte. Noch zu ihrer Zeit am Klinikum in Gießen hatte Ma-ria Pinding die als „nursing research“ im angelsäch-sischen Bereich entstandene Forschungsrichtung aufgegriffen. Sie prägte den Begriff der „medizi-nischen Sozialforschung“ und setzte sich intensiv mit der Krankenpflege einschließlich der Ausbil-dung von Pflegekräften auseinander. Diese Arbeit setzte sie am Institut für Sozialmedizin und Epide-miologie des BGA fort, wobei sie durch eine Viel-zahl von Publikationen über die engen medizi-nischen Fachgrenzen hinaus bekannt wurde. Neben der Mitwirkung an Arbeiten zur theoretischen So-zialmedizin und an praxisorientierten Erhebungen zur stationären und ambulanten Krankenversorgung trat sie im Rahmen der letztgenannten Aufgabe mit der Förderung der „Sozialstationen“ hervor. Ein be-sonderes Anliegen war ihr auch die Absicherung der Pflege, wobei sie sich zielstrebig und tatkräftig für die wissenschaftliche Begleitung der Hauskranken-pflege in zwei Berliner Bezirken einsetzte. Neben ihrer von erheblicher praktischer Relevanz geprägten Tätigkeit am BGA stand die akademische Lehrtätigkeit. 1977 habilitierte sie sich für das Fach „Sozialmedizin“ an der Freien Universität Berlin, die sie 1982 zur außerplanmäßigen Professorin er-nannte. Bis zum Wintersemester 1990/91 hielt sie hier Vorlesungen und Seminare über „Sozialme-dizinische Probleme der Krankheitsverhütung“. Gleichzeitig hatte sie von Herbst 1988 bis zum Herbst 1989 einen Lehrauftrag an der Universität Witten/Herdecke. Wegen ihrer pädagogisch-didak-tischen Begabung war sie bei den Studenten sehr beliebt. Trotz beruflichem Erfolg fühlte sich Maria Pinding in Berlin nicht sehr wohl; die Großstadt lag ihr nicht. Zudem empfand sie die damals geteilte Stadt mit ihrer Mauer immer wieder als Einengung. Deshalb ließ sie sich vorzeitig in den Ruhestand versetzen, zog nach Annerod bei Gießen aufs Land, mietete in einem Bürohaus in Gießen ein Zimmer, um sich ? selbständig und unabhängig von Institutionen ? insbesondere mit den Themen Gesundheitsförderung bei chronisch Kranken, Prävention und Rehabili-tation zu beschäftigen. Doch bereits kurze Zeit später starb Maria Pinding - unverheiratet und kinderlos - infolge einer sehr selte-nen Form der Leukämie am 8. Dezember 1990 in Gießen in der Poliklinik auf der Station, wo sie vor Jahren Stationsärztin war. Ein im Bundesgesund-heitsblatt erschienener Nachruf würdigte sie als „eine der profiliertesten Persönlichkeiten aus dem Forschungsbereich der Sozialmedizin“. Nach Angaben von Waltraud Pinding war ihre Schwester Maria hochsensibel, empfindsam und leicht verletzbar. Sie war manuell begabt, spielte sehr gut Flöte, liebte klassische Musik und gutes Es-sen. Sie hatte starken Sinn für Gerechtigkeit, Mit-gefühl für die Schwachen, Kranken und Rand-gruppen der Gesellschaft, war religiös, aber kein Kirchgänger. Depressiv veranlagt litt sie unter Ein-samkeitsgefühlen; hinsichtlich ihrer persönlichen Probleme war sie verschlossen, konnte aber auch ihre Mitmenschen damit überschütten. Gefühlsstim-mungen unterworfen war sie manchmal unberechen-bar in Bezug auf Zu- und Abneigung. Einerseits konnte sie sehr mutig sein, couragiert und sich durchsetzen, war dann aber andererseits leicht zu verletzen, zu verunsichern und hilflos. Hinsichtlich ihrer Arbeit war sie sehr engagiert, konnte Men-schen begeistern und mitreißen ebenso wie abstoßen. Maria Pinding stellte ihr Vermögen in den Dienst einer guten Sache. Die aus ihrem Erbe 1991 ins Le-ben gerufene Maria-Pinding-Stiftung für Sozialme-dizin mit Sitz in Essen (Nordrhein-Westfalen) dient nach dem Willen der Stifterin insbesondere der För-derung von Wissenschaft und Forschung auf dem Gebiet der Sozialmedizin und Medizinsoziologie, soweit sie sich mit chronischen Erkrankungen be-schäftigen. 1998 etwa wurden rund 29.000 DM für Promotionsstipendien zur Erforschung chronischer Erkrankungen ausgegeben. Maria Pinding publizierte über 60 Aufsätze in me-dizinischen und berufsorientierten Zeitschriften und Büchern, in denen sie sich hauptsächlich mit der Sozialmedizin und Krankenpflege beschäftigte. Auf-geführt seien beispielsweise „Die Krankenpflege als wissenschaftliches Forschungsgebiet der Medizin“, in: Deutsche Schwesternzeitung, 1969, Heft 2, Seite 57-60 und „Externer Pflegedienst – Ein Modell der Hauskrankenpflege bei Kindern“, in: Jugendwerk der Deutschen Shell, Hamburg (Hrsg.): Das unfall-geschädigte Kind und seine Eltern. Eltern werden Co-Therapeuten. Hamburg 1980, Seite 38-41. Von ihren zahlreichen Buchveröffentlichungen seien folgende Werke genannt: (zusammen mit H. Fi-scher-Harriehausen) „Sozialmedizin. Grundlagen und Standpunkte. Ein Fach in der Diskussion“ (Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1977); (zusam-men mit J. Thomae und B. Kirchlechner) „Kran-kenschwestern in der Ausbildung – eine empirische Untersuchung zur Berufssozialisation“ (G. Thieme Verlag, Stuttgart 1972); (zusammen mit J. Mün-stermann und B. Kirchpechner) „Berufssituation und Mobilität in der Krankenpflege (= Schrif-tenreihe des Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit, Bd. 22)“ (Kohlhammer Verlag, Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz 1975); (zusammen mit K. Leitner) „Repräsentativumfrage zur häus-lichen pflegerischen Versorgung (= SozEp-Berichte, Schriftenreihe des Instituts für Sozialmedizin und Epidemiologie des Bundesgesundheitsamtes, 1/ 1978)“, dritte, unveränderte Auflage (Dietrich Rei-mer Verlag, Berlin 1980); (zusammen mit H. Fi-scher-Harriehausen) „Hauskrankenpflege und Haus-pflege in zwei Berliner Bezirken. Eine Untersuchung zum Praxisfeld ambulanter Versorgung (= SozEp-Berichte, Schriftenreihe des Instituts für Sozial-medizin und Epidemiologie des Bundesgesundheits-amtes, 1/1981)“ (Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1981). Wie die Arbeiten zeigen, hat sich Maria Pinding schon zu einer Zeit, in der professionelle Pflege-forschung in Deutschland kaum eine Rolle spielte, mit unterschiedlichen Fragen der Pflege, wie etwa der Motivation für den Pflegeberuf und der Fluk-tuation in demselben, intensiv auseinandergesetzt. Besondere Beachtung verdient in diesem Zusam-menhang auch das von ihr herausgegebene Buch „Krankenpflege in unserer Gesellschaft. Aspekte aus Praxis und Forschung“ (Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1972), in dem sie sich – neben der Be-trachtung der „Aufgabenbereiche der ambulanten Krankenpflege“ (Seite 134-140) - unter der Über-schrift „Krankenpflege als wissenschaftliches For-schungsgebiet“ (Seite 220-225) mit den Akteuren und Objekten der Pflegeforschung befasst. Aus ihrer Sicht ist die Krankenpflege ein Teil der Medizin, der so wie diese auf die Erhaltung und Wiederher-stellung von Gesundheit ausgerichtet ist, aber vor al-lem dort von großer Bedeutung ist, „wo die auf Er-folg ausgerichtete Medizin versagt und die Gesell-schaft am liebsten wegsieht: Dort, wo Leben dau-ernd geschädigt ist, wo es um chronisches Leiden, Siechtum und Tod geht.“ Ihres Erachtens sollten sich Forschungsfragen bei-spielsweise mit organisatorischen und gesellschaft-lichen Bedingungen des Pflegeberufs und dem Per-sonalmanagement ebenso auseinandersetzen wie mit der praktischen Krankenpflege. In diesem Zusam-menhang weist Pinding auch auf das wichtige Feld der ambulanten Pflege hin, das ein weites und in Deutschland noch unbekanntes Feld der Forschung sei. Insgesamt gibt sie der Hoffnung Ausdruck, mit der Krankenpflegeforschung nicht nur wissenschaft-lich begründetes Handeln zu fördern, sondern auch einen Beitrag zur Erhaltung der Humanität zu lei-sten. Das Pflegepersonal selbst kann ihrer Ansicht nach an Forschungsprojekten teilnehmen, aber nur, wenn es entsprechend ausgebildet sei.

Literatur

Bartholomeyczik, Sabine: Gegenstand, Entwicklung und Fragestellungen pflegewissenschaftlicher Forschung. In: Beate Rennen-Allhoff, Doris Schaeffer (Hrsg.): Handbuch Pflegewissenschaft. Juventa Verlag. Weinheim, München 2000, Seite 67-106. Fischer-Harriehausen, [Hermann] / Bergmann, K.E.: Nachruf Prof. Dr. med. Maria Pinding. In: Bundesgesundheitsblatt, 34 (1991), Heft 2, Seite 79. „Hochschulnachrichten“. In: Tagesspiegel vom 15. August 1982, Seite 41. Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender 1992. Bio-bibliographisches Verzeichnis deutschsprachiger Wissenschaftler der Gegenwart. 16. Ausgabe, Bd. I-R. Walter de Gruyter, Berlin / New York 1992, Seite 2778-2779. Universitätsklinikum Giessen, Personal und Recht: Schriftliche Mitteilung an den Verfasser vom 27. März 2001. Waltraud Pinding (Berlin): Schriftliche Mitteilungen an den Verfasser vom 14. und 20. März 2001. Wiedersheim, Robert Prof. Dr. (Münsing): Schriftliche Mitteilung an den Verfasser vom 19. Juni 2001. Zentrum für Human- und Gesundheitswissenschaften der Berliner Hochschulmedizin, Institut für Soziale Medizin (Berlin): Schriftliche Mitteilung an den Verfasser vom 30. Mai 2001. Bildquelle: Privatarchiv H. Kolling, Bad Staffelstein.

PINDING, Maria

Version vom: 
2004-01-20

Zitation

H. Kolling. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von H. Kolling, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 3. hpsmedia, 2004. S. 220-224

Onlinezitation

 
Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=680

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