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Who was who in nursing history: FRANCOIS, Charlotte von
FRANCOIS, Charlotte von
Artikel von: Gerhard Fürstler
Erschienen in Band 4, Seite(n) 93-96.
 

Biographie

„Etwa gegen 11 Uhr wurde ich aufs Martinstift geschickt, mit dem Auftrag für Schw. Charlotte, Schw. Anna und Schw. Johanna: ‚Die Kinder sollten bis ? 2 Uhr reisefertig sein’. Ich ging den Fußweg hinauf und begegnete einer Kindergruppe, die fröhlich mit einer Tante den Abhang herunterrodelte. Ich richtete meinen Auftrag“, so später (1981) die damalige Sekretärin, „aus und ging wieder ins Mutterhaus zurück.“ Die Geschichte rund um dieses nationalsozialistische Verbrechen, das sich am 13. und am 31. Januar 1941 in der österreichischen Diakonissenanstalt Gallneukirchen (Oberösterreich) ereignete und den Tod der Betroffenen zur Folge hatte, ist inzwischen Inhalt mehrerer historischer Darstellungen gewesen und war bis zu ihrem Tode das wohl einschneidenste Erlebnis im Leben der damals 43-jährigen und „total mit dem Martinstift verwachsenen“ Diakonisse Charlotte von François.

Aus fünf Anstaltshäusern hatte man 64 „Pfleglinge“ herausgeholt und wahrscheinlich noch auf dem Weg in die nur wenige Kilometer entfernte Vernichtungsanstalt Schloss Hartheim mit Spritzen umgebracht, 20 davon aus dem Martinstift, in dem vor allem „Schwachsinnige“, „Geistesgestörte“ und „Nervenleidende“ gepflegt wurden. Schwester Charlotte von François gehörte damit zu jenen Schwestern, die dieses Geschehen unmittelbar miterlebten, sie hielt es daher in den von ihr bis 1959 selbst zu Papier gebrachten Erinnerungen fest: „Am Montag, den 13. Jänner [Januar] 1941 erschienen schwarze Autos, mit Polizei, Arzt und ‚Pflegerinnen’, räumten unsere Häuser mit ‚lebensunwertem Leben’ aus, zwecks Transferierung nach Sonnenstein in Sachsen, als kriegswichtige Maßnahme. Im Martinstift hatten sie uns ein paar Kranke zurückgelassen, welche in Haus und Landwirtschaft geholfen hatten. Auch ein paar Gelähmte waren dageblieben. Es ist uns stets ein Rätsel geblieben, nach welchem Maßstab bestimmt worden ist, was ‚lebensunwertes Leben’ ist. War uns zunächst auch ganz gleichgültig. Wir saßen herum, wie die verschüchterten Hühner, ich arbeitete allein in der Werkstatt die laufenden Aufträge ab. Dann bekam ich den Restbestand der Männer des Friedenshortes herauf, Schw. Anna Perner, die bisherige Hausmutter, ging in den Feierabend und ich – konnte eines Tages nicht mehr weiter. Nacht für Nacht standen die ermordeten Kinder vor meinem Bett und weinten, daß ich sie weggegeben hatte. Im Gehirn bohrte nur ein Gedanke: ‚Ich hätte mitfahren sollen. Ich hätte mitfahren sollen. Ich hätte …’  Es war ein wahrhaft erlösendes Wort, als Frau Oberin eines Tages zu mir sagte: ‚Du machst den Eindruck eines Menschen, der nicht mehr weiter kann. Ich denke, du gehst jetzt mal in Ferien. Wohin möchtest du?’ … ‚Fort vom Martinstift’, sollte meine Bitte an Frau Oberin heißen. Ich hatte gemeint, einst nur im Sarge dasselbe endgültig verlassen zu können, es in treuen Händen einer tüchtigen Nachfolgerin zurücklassend, welche das Begonnene weiter ausbauen würde. Und nun war alles dahin. Da war es besser, ganz fort und irgendein Neuanfang.“

In ihren Aufzeichnungen vermied sie es allerdings, sich einzugestehen, dass bereits 1940, sich – wie später Schwestern dokumentieren ließen – hartnäckige Gerüchte unter den Diakonissen hielten, was mit den Pfleglingen, die „verlegt“ und „reisefertig“ herzurichten wären, auch tatsächlich passieren würde. Auch darüber gibt sie keine Auskunft, ob auch sie selbst, beim Ausfüllen der „berüchtigten“ Meldebögen – die ja den Schwestern aus dem Mutterhaus zur Bearbeitung weitergegeben wurden – mitwirken musste, wie dies später ebenfalls Diakonissen auch für Gallneukirchen berichteten. Sie erzählt auch nicht, ob sie diese Ereignisse aufarbeiten konnte. Das ist auch unwahrscheinlich, denn die Aufarbeitung der Euthanasiemorde war zu ihrer Zeit noch kein Thema, im Gegenteil: „Es wurde auch in Gallneukirchen alles in Stillschweigen gehüllt“. Erst 1981 begann die historische Aufarbeitung. Da aber war Schwester Charlotte von François bereits 15 Jahre tot.

Diese Ereignisse jedenfalls, verursachten bei ihr eine tiefe psychische Krise, da sie sich, „schuldig sprach“, an jenem 13. Januar 1941 „ihre Kinder“ nicht in den Tod begleitet zu haben. Vermutlich aber wurde ihr die Tragweite ihrer Handlungsweise bewusst und das allein spricht für sie (!). Die angeordnete Tätigkeit – aufgrund solcher herumschwirrenden Gerüchte – einfach zu verweigern oder dem Dienst aus irgendwelchen Gründen fernzubleiben, wären allerdings – wie historische Beispiele in ähnlich gelagerten Fällen zeigen – auch schon damals mögliche Alternativen gewesen, sich auf diese Weise aus der Affäre zu ziehen. Aber das hätte Zivilcourage erfordert, wobei die Verweigerung der bloß zuarbeitenden Mitarbeit an diesen NS-Verbrechen (in diesem Fall die Opfer „reisefertig“ herrichten) in der Regel ohne negative Konsequenzen geblieben wäre.  Viele Pflegepersonen richteten damals die dem NS-System ausgelieferten Menschen für diese letzte Fahrt in den Tod „reisefertig“ her, obgleich ihnen das bevorstehende Schicksal dieser Menschen – zunächst durch (so auch in Gallneukirchen) im Umlauf befindliche Gerüchte und dann aufgrund der eingelangten Todesnachrichten – bekannt war. Kaum bewusst war ihnen hingegen, was sie da eigentlich getan und wozu sie beigetragen hatten, und bis vor kurzem stand dieser Tatbestand ja nicht einmal zur Diskussion, da selbst der historischen Forschung diese verdeckte Mitwirkung an den NS-Verbrechen erst jetzt zu Bewusstsein kam.

Charlotte von François wurde am 2. Februar 1898 in Trnova (Bulgarien) geboren, wo ihre Mutter am Mädchengymnasium unterrichtete und die Familie erhielt. Nach vierjährigem Aufenthalt in Bulgarien zog es ihren Vater, der als akademischer Maler freiberuflich tätig war, aber wieder zurück nach Dresden. Die nächsten Jahre verbrachte die junge Familie in Gelsenkirchen und erlebte, bedingt durch die Arbeitslosigkeit der Mutter eine entbehrungsreiche und harte Zeit. Hilfreich erwiesen sich Verwandte, die die Familie nach Wien holten. Erst dort gelang es der Mutter, mit einer Bürotätigkeit die Familie halbwegs durchzubringen. So absolvierte Charlotte von François das vierte Schuljahr daher bereits in Wien. Anschließend besuchte sie die evangelische Bürgerschule und wurde nachher konfirmiert.

Die nächsten Jahre verbrachte sie wieder in Deutschland, erlernte das Weißnähen und die Haushaltsführung und kehrte erst während des Ersten Weltkrieges (1914-1918) wieder nach Wien zurück. Während dieser Zeit bereitete sie sich auf den Tanzlehrerberuf vor, da ihr Onkel in Rostock eine Tanzschule führte. Nebenbei blieb sie aber mit kirchlichen Kreisen in Verbindung. Sie besuchte einen Kurs für Jugendpflege, war im Kindergottesdienst tätig und gab ihren Berufswunsch trotz Widerstände des Vaters endgültig auf. Am 30. Dezember 1916 trat sie im Alter von nur 18 Jahren in das Diakonissenmutterhaus Gallneukirchen ein, ebenso wie beispielsweise Margit Frankau (1889-1944) , Margit Grivalsky (1915-2002) , Nany Kremeir (1862-1933) , Martha Lucke (1882-1965) , Marie Meier (1888-1955) , Freda Freiin von Schacky (1883-1960) , Elsa von Tiesenhausen (1890-1979) , Elise Lehner (1847-1921) , Anna Köhnen (1889-1983)  und Aenne Wiedling (1905-1978) . Danach kam sie für ein Jahr zur pflegerischen Mitarbeit in das Krankenhaus Asch (Böhmen). Die fehlende Ausbildung empfand sie dabei aber als großen Nachteil. Im September 1922 trat sie ihren langjährigen Dienst im Martinstift an, in dem sich eine Abteilung für „bildungsfähige schwachsinnige“ Kinder und Jugendliche befand. Bis 1941 war sie dort fast 20 Jahre mit größter Hingabe tätig, in der Hauptsache in der sogenannten kleinen Hilfsschule und in der von ihr selbst eingerichteten Werkstatt. 1923 wurde sie eingesegnet.

Um für die kommenden Aufgaben gerüstet zu sein, absolvierte sie im Rothenburger Diakonissenhaus eine Hilfsschullehrerausbildung und erlernte das Bürstenbinden, Korbflechten und Teppichweben. In der Diakonissenanstalt Bethel fand sie das, was sie suchte: Die Flachwebstühle. So entstand im Martinstift bald auch eine Werkstatt. In großer Mühe brachte sie den schwerstbehinderten Kindern und Jugendlichen bei, Gebrauchsgegenstände wie Schrubber, Bürsten, Bartwische, usw. herzustellen. Es waren die schönsten Jahre im Leben von Schwester Charlotte von François. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich (1938) absolvierte sie in Bethel einen Weberei-Lehrkurs. Die von den Nationalsozialisten umgesetzte „Liquidierung lebensunwerten Lebens“ war es dann, die ihr Leben so dramatisch und schlagartig veränderte, sodass sie, krankheitshalber das Martinstift verlassen musste. 1943 trat sie die Stelle einer Gemeindeschwester in Gallneukirchen an, die sie bis 1959 innehatte. Mit Sicherheit sind ihr für den Rest ihres Lebens, jedoch bei Beibehaltung einer klaren und bewusst evangelischen Glaubenshaltung, eine tiefe Enttäuschung über den vermeintlichen „Untergang ihrer Arbeit“ und wohl auch eine gewisse Verbitterung darüber geblieben – wie aus ihren Erinnerungen deutlich herauszulesen ist.

Ihren Dienst als Gemeindeschwester in den schweren Jahren des Krieges und dann der sowjetischen Besatzung hatte sie praktisch bis an die Grenzen ihrer Kraft und bei zunehmender Kränklichkeit getan. Sie übernahm den Religionsunterricht an den zur Gemeinde gehörenden Volks- und Hauptschulen, unterrichtete die Probeschwestern im Mutterhaus, hielt Bibelstunden und arbeitete in der Krankenseelsorge mit. Abenteuerlich waren ihre weiten Wege, nicht selten zu Fuß, durch das einsame, vom Verkehr regelrecht abgeschnittene Mühlviertel. Da hielten sie auch Schnee und Kälte nicht ab und so konnte es schon vorkommen, dass sie erst am nächsten Tag erschöpft ins Mutterhaus zurückkam, „das weiße Haar bereift über dem blassen Gesicht.“ Diese Anstrengung kostete Kraft; vermutlich auch die nur verdrängten Ereignisse von 1941. Dies alles ließ Schwester Charlotte von François frühzeitig altern, so dass sie – im Alter von nur 48 Jahren – jeder nur mehr als eine Frau mit schneeweißem Haar kannte. Große Beschwerden machten später ihr schwere Migräneanfälle. Bei den Schwestern war sie als musisch vielseitig begabte Frau geschätzt. 1963 trat sie in den Feierabend ein. Am 10. Mai 1966 verstarb sie nach langem schweren Leiden. Sie wurde auf dem Evangelischen Friedhof in Gallneukirchen im Grab ihrer Mutter beigesetzt.


Literatur

Fürstler, Gerhard: „Ich hätte mitfahren sollen!“, Diakonisse (1898-1966). In: Fürstler, Gerhard: Der Glaube, der durch die Liebe tätig ist. Die Lebensgeschichten von 19 Schwestern aus dem Diakonissen-Mutterhaus in Gallneukirchen. Medieninhaber und Herausgeber: Evangelisches Diakoniewerk Gallneukirchen. Eigenverlag. Gallneukirchen 2006, Seite 269-279.

Bildquelle: Fürstler, Gerhard: Der Glaube, der durch die Liebe tätig ist. Die Lebensgeschichten von 19 Schwestern aus dem Diakonissen-Mutterhaus in Gallneukirchen. Medieninhaber und Herausgeber: Evangelisches Diakoniewerk Gallneukirchen. Eigenverlag. Gallneukirchen 2006, Seite 268.

FRANCOIS, Charlotte von

Version vom: 
2012-01-20

Zitation

Gerhard Fürstler. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Gerhard Fürstler, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 4. hpsmedia, 2012. S. 93-96

Onlinezitation

 
Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=162

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