Oct 21, 2018 Last Updated 1:50 PM, Oct 20, 2018

Forschungswelten 2019

Save-the-date: Forschungswelten 2019! Vom 4.-5. April 2019 findet an der Hochsc...

Lernwelten 2018

Lernwelten 2018 18. internationaler wissenschaftlicher Kongress für Pflege- und ...

Who was who in nursing history: BRAUCHITSCH, Hedwig von
BRAUCHITSCH, Hedwig von
Artikel von: Karin Wittneben
Erschienen in Band 4, Seite(n) 51-56.
 

Biographie

Unter ehemals Tausenden von Diakonissen und Hunderten von Mutterhausoberinnen gab es kaum Frauen, die sich schriftlich zur Krankenpflege geäußert haben. Eine der Oberinnen, die sich zu Wort meldete, war Hedwig von Brauchitsch, Oberin des Evangelischen Diakonissenmutterhauses in Frankenstein / Niederschlesien, das nach der Ausweisung am 5. April 1946 über Zwischenstationen in Wertheim-Hofgarten am Main ansässig wurde. Die ehemalige niederschlesische Kleinstadt Frankenstein gehört heute zu Polen und heißt jetzt Zabkowice Slaskie. Ein von Hedwig von Brauchitsch verfasster Text wird als Quelle, ein anderer als Betrachtungsgegenstand herangezogen. Beide Texte werden mit neueren Forschungsbefunden in einen Zusammenhang gestellt. Im Archiv des Evangelischen Diakonissenmutterhauses „Frankenstein“ befindet sich eine von Hedwig von Brauchitsch handschriftlich verfasste, hier noch nicht ausgewertete Chronik des Mutterhauses, die Eintragungen bis zum Jahr 1916 enthält. Als hilfreiche Quellen für diesen Beitrag erwiesen sich ein vom Diakonissenmutterhaus übersandter Jahresgruß von 1994, in dem große Teile des Lebens- und Berufsweges Hedwig von Brauchitschs von der Altoberin Elise Kunick zusammengetragen wurden, sowie ein genealogisches Handbuch des Adels und gesammelte Bestände der Verfasserin. Zudem soll dieser Beitrag den sich ausbreitenden Tunnelblick auf die Kaiserswerther Diakonissen in der gegenwärtigen historischen Pflegeforschung weiten und die pflegehistorische Aufmerksamkeit auf das sehr breite, sehr heterogene Spektrum ehemaliger Diakonissen lenken.

Das Evangelische Diakonissenmutterhaus in Frankenstein wurde 1866 in der Diaspora unter katholischen Nachbarn eingeweiht. Gründer und erster Leiter des Hauses war Superintendent Hermann Graeve (?-1897), als erste Oberin wurde Hedwig Gräfin Stosch (1834-1920) aus dem Diakonissenmutterhaus „Bethanien“ in Breslau (heute Wroclaw) berufen. Sie hatte ihre Ausbildung bei Maria Schäfer (1810-1891)  erhalten, der ersten Oberin des Breslauer Diakonissenhauses, die wiederum Schülerin des Ehepaars Fliedner in Kaiserswerth war. Gräfin Stosch, zu Hause auf dem schlesischen Schloss Harthau, wurde 1869 Oberin und blieb es bis 1906. Ihr Breslauer Vorsteher, Carl Ulbrich (1834-1908), entließ die 35-jährige gleichaltrige Frau mit patriarchalischem Gestus nach Frankenstein: „Arbeiten Sie getreu als Bethanische Diakonisse, aber vorsichtig, ohne alles gleich nach Ihren Ideen reformieren zu wollen. Und wenn Sie nach einem Jahre, aber nicht früher, sagen, es geht nicht, dann dürfen Sie mir wieder zurückkommen“ (zit. n. Hochbaum 1925, S. 21). Die Ermahnte entzog dem Pfarrer auf Dauer die Führungshoheit über ihren Wirkungskreis. Sie kam nicht zurück.

Das Frankensteiner Haus widmete sich zunächst der Kinder- und Armenpflege auf dem Lande. Die Krankenpflege kam erst später hinzu. Ein kleines, zunächst von Breslauer Diakonissen besorgtes Krankenhaus „Bethanien“ entstand bereits 1868, ein neues wurde 1894 eingeweiht und nach Verbesserungen und Erweiterungen 1912 als Krankenpflegeschule genehmigt. Die Frankensteiner Diakonissen verrichteten ihren Dienst anfangs in Kindergärten, bei Armen, Kranken und Alten wie auch in den so genannten Gesindehäusern. Sie sammelten Frauen und Mägde zu Strick- und Flickabenden. Besonders die Dominialfrauen empfanden diese Abende als Abwechslung in ihrem arbeitsreichen Leben.

Nach Hedwig von Stosch versah Hedwig von Brauchitsch von 1906 bis 1943 die Oberinnenstelle in Frankenstein. Auch sie entstammte der sozialen Oberschicht. Wie Jutta Schmidt (1998) aufweist, wurden 1898 von 49 Anstalten 23 von adeligen Vorsteherinnen geleitet (S.190). Einer wiedergegebenen Tabelle aus dem Jahr 1880 ist des Weiteren zu entnehmen, dass von den 91 Frankensteiner Diakonissen 66 aus dem Bauern-, Handwerker-, Tagelöhner- und Fabrikarbeitermilieu kamen. Dagegen werden 25 Diakonissen aufgeführt, deren Väter den Beruf eines Theologen, Professors, Lehrers, Künstlers, Militär- bzw. Zivilbeamten oder Kaufmanns ausübten (S. 169).

Hedwig Emilie Ottilie von Brauchitsch wurde am 27. Juni 1868 in Berlin als Tochter des königlich-preußischen Generals der Kavallerie z. D. Bernhard Eduard Adolf von Brauchitsch (1833-1910) und seiner Ehefrau Charlotte, geb. von Gordon (1844-1906), geboren. Die Familie wohnte am Lützowplatz Nr. 3 in Berlin-Tiergarten. Hedwig hatte vier Brüder und zwei Schwestern. Ihre Schwester Gertrud war bereits vor Vollendung des ersten Lebensjahres verstorben. Der Vater, Flügeladjutant Wilhelms I. (1797-1888), verkehrte auch außerdienstlich am Berliner Hof. Der Flügeladjutant war ursprünglich ein Offizier, der Befehle an die Flügel des Heeres übermittelte; später stand er im persönlichen Dienst eines regierenden Fürsten. Bis auf Anekdoten ist aus ihrer Kindheit und Jugend im Archiv der Schwesternschaft wenig erhalten. Von Gesellschaften am Berliner Hof z. B. brachten die Eltern den Kindern Konfekt von der kaiserlichen Tafel mit. Selbst solche eher beiläufig erwähnten Begebenheiten werfen Licht auf die beträchtliche Nähe zum preußischen Hof und eine damit erlangte, nicht geringe politische Einflussmöglichkeit. Ob Hedwig von Brauchitsch selbst als junges Mädchen und junge Frau am gesellschaftlichen höfischen Leben teilgenommen hat, ist nicht überliefert. Konfirmiert wurde sie von Emil Wilhelm Frommel (1828-1896), Volksschriftsteller und königlich-preußischer Hofprediger. Er selbst wurde von Franz Heinrich Härter (1797-1874) , der in enger Berührung mit der Erweckungsbewegung stand, konfirmiert. Frommel, ein überzeugter Vertreter des nationalen Gedankens, war zuletzt religiöser Erzieher der kaiserlichen Prinzen in Plön.

Hedwigs Brüder Gottfried (1866-1924), Adolf (1876-1935) und Walther (1881-1948) waren Ehrenritter des Johanniterordens. Ihr jüngster Bruder Max (1886-1918) verstarb als Reserveoffizier kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges an der Westfront. Ihr jüngerer Bruder Walther wurde im preußischen Kadettenkorps in Potsdam und Berlin-Lichterfelde erzogen. Ausgewählte, nur adelige Kadetten der Selekta (Oberprima bzw. 13. Klasse) wurden zu außerschulischen Diensten als Hof- und Leibpage am Berliner Kaiserhof herangezogen. Aus dem Jahrgang 1899 wählte Kaiserin Auguste Viktoria (1858-1921) Walther von Brauchitsch zu ihrem Leibpagen. Der ältere Bruder Adolf war bereits 1894 Leibpage der Kaiserin gewesen. Zu den Aufgaben der Leibpagen, die von einem Pagen-Gouverneur in ihren Dienst bei Hofe eingewiesen wurden, gehörte u. a. das Servieren bei Tisch, das Tragen der bis zu acht Meter langen Hofschleppen und die Beherrschung einer korrekten körperlichen Haltung. Dem Leibpagen der Kaiserin oblag speziell das Tragen ihrer Schleppe und ihre ständige Begleitung auf Veranstaltungen bei Hof, wie etwa der Neujahrsfeier, den Geburtstagen des Kaiserpaares und den Hofbällen. Gelegentlich wurden die Pagen auch zu Spielgefährten der Prinzen eingeladen. Obwohl verboten, spielten die Jungen in dem weitläufigen Berliner Schloss auch Fußball. Bei einer dieser Gelegenheiten soll Walther von Brauchitsch Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) in den Bauch getroffen haben, als dieser durch eine Tür eintrat, auf die er gerade zielte. Nicht Verständnis und Nachsicht wurden dem treffsicheren Walther zuteil, sondern, wie Löffler (2001) übermittelt, eine schallende Ohrfeige des Kaisers. Es darf angenommen werden, dass seine Schwester Hedwig auch von so einer Kuriosität am Kaiserhof Kenntnis erlangte. Walther von Brauchitsch begann seine militärische Laufbahn 1900, in der er die höchste Stufe im Zweiten Weltkrieg mit der Beförderung zum Generaloberst und der Ernennung zum Oberbefehlshaber des Heeres (4. Februar 1938) und schließlich zum Generalfeldmarschall (19. Juli 1940) erklomm. Nach militärischen Rückschlägen und Differenzen mit Hitler und nicht zuletzt aus gesundheitlichen Gründen wurde Brauchitsch auf eigenen Wunsch (7. Dezember 1941) beurlaubt und bald darauf entlassen. Die Jahre bis zum Kriegsende verbrachte er eher privat auf dem schlesischen Gut Bolkenhain, dem Geburtsort seiner zweiten Frau Charlotte, geb. Rüffer (1903-1992). Im August 1945 kam er in britische Kriegsgefangenschaft. Nach mehreren Verlegungen verstarb er am 18. Oktober 1948 an Thrombose im 94. britischen Militärlazarett in Hamburg-Barmbek vor Eröffnung eines Militärgerichtsverfahrens. Brauchitsch hatte schon 1942 einen Herzinfarkt erlitten und war seit Jahren herzleidend. Die von Jürgen Löffler 1999 als Dissertation vorgelegte politische Biographie über Walther von Brauchitsch gibt im Rahmen der Familiengeschichte indirekt Aufschluss auch über Hedwig von Brauchitsch, worauf hier nicht ausführlicher eingegangen werden kann.

Eingebunden in den Wertekodex einer preußisch geprägten Adelsfamilie, die, wie gezeigt, über persönliche Kontakte zum Berliner Kaiserhof verfügte, begann Hedwig ihre berufliche Laufbahn als Johanniterschwester am Evangelischen Diakonissenmutterhaus in Frankenstein unter der Leitung von Hedwig Gräfin Stosch. Über die Ausbildung zur Johanniterschwester, die sechs Monate dauerte, fand sie den Weg in die Diakonissenschwesternschaft, in der sie schnell aufstieg. Am 15. April 1901 trat sie als Probeschwester in das Frankensteiner Diakonissenmutterhaus ein, wurde hier am 14. November 1905 zur Diakonisse eingesegnet und schon ein gutes halbes Jahr später am 27. Juni 1906, ihrem 38. Geburtstag, als Oberin eingesetzt, nachdem sie zuvor der ausscheidenden Oberin Gräfin Stosch noch einen Monat assistiert hatte.

Die neue Oberin hielt das Mutterhaus auch für die eigene Familie offen. Ihre jüngere Schwester Agnes, verheiratete von Haeften (1869-1945), und ihr jüngerer Bruder Walther, der Generalfeldmarschall, nahmen an Anstaltsfesten teil, und eine unverheiratete Schwester ihrer Mutter, Fräulein von Gordon, konnte sogar ihren Lebensabend im Mutterhaus verleben. Ob auch den Diakonissen solche Freiheitsgrade zugestanden wurden, ist eine Frage, die bisher – wohl aus anhaltendem Respekt vor der Altoberin – in der Schwesternschaft noch gar nicht aufgeworfen worden ist. Zeitzeuginnen galt Hedwig von Brauchitsch als sehr klug, energisch und streng, auch gegen sich selbst. Ermahnungen leitete sie, dabei ernst blickend, gern mit den Worten ein „Mein liebes Kind“. Das ist in kommunikationstheoretischen Worten von heute eine paradoxe Botschaft, die nicht zum Wohlbefinden der Person beiträgt, die eine so widersprüchliche Botschaft erhält. Der ernste, strenge Blick und die Worte „liebes Kind“ passen nämlich nicht zusammen. Tatsächlich erinnert sich noch 1994 eine Schwester, wie ihnen zu Mute war, wenn die Oberin mit ernster Miene und bestimmter Betonung eine Rede mit den drei gefürchteten Worten begann. Hedwig von Brauchitsch habe aber auch mütterliche Seiten gezeigt, herzlich lachen und gut zuhören können. Die Schwestern nannten ihre Vorgesetzte aus eigenem Bedürfnis „Mutter“. Deren Mutterhausalltag war arbeitsreich und vielfältig. Schwesternbriefe schrieb sie selbst auf der Schreibmaschine. Auf vielen Reisen, anfangs mit der Bahn, besuchte sie die Diakonissen an ihren Einsatzorten, deren Anzahl sich 1943 auf 161 Stationen belief, davon allein 87 in Gemeinden und 22 in Reservelazaretten (Evangelisches Diakonissenmutterhaus Frankenstein 1991, S. 28). Seit 1934 stand der inzwischen 66-Jährigen für diese Reisen ein Mercedes mit Fahrer zur Verfügung. Der Einsatz der Schwestern hatte immer weitere Kreise gezogen. Schon 1911 war die erste Frankensteiner Diakonisse in die China-Mission nach Tschichin in Südchina entsandt worden. Die Diakonissen wurden dort 1950 ausgewiesen, nachdem Mao Tse-tung am 1. Oktober 1949 die Volksrepublik China ausgerufen hatte. Im Ersten Weltkrieg wurden Frankensteiner Diakonissen in der Etappe in Ostpreußen, Rumänien, Bulgarien und auf dem Balkan eingesetzt. Für einen Etappeneinsatz in Nordfrankreich wurden die Diakonissen durch Kaiserin Auguste Viktoria verabschiedet. Einige nicht namentlich genannte Diakonissen starben in den Kriegsjahren an Typhus. Wie andere Oberinnen ihrer Gesellschaftsschicht wusste Hedwig von Brauchitsch sich nach eigenem Bekunden an der Seite von wechselnden Anstaltsgeistlichen in nicht ausbleibenden Konfliktsituationen gut zu behaupten. In ihrer Abschiedsrede am 27. Juni 1943 bestätigte sie sich einen „ziemlich harten Kopf“ und reflektierte rückblickend: „Wir waren oft verschiedener Ansicht. In einem Amt, in dem es so ins Persönliche geht, kann es nicht anders sein. Es ist gewiss schon bedingt in der Eigenart von Mann und Frau, die gleichen Dinge verschieden zu sehen. Wir haben immer zusammen gefunden, auch dafür Dank dem Herrn des Dienstes!“ (zit. n. Kunick 1994, S. 17). Dass der Habitus ihres sozialen Herkommens sie zu einer starken Aushandlungsposition prädestinierte, wird von ihr nicht erkennbar in Erwägung gezogen.

Im Schwesternunterricht vermittelte sie eine schon im Elternhaus durch den Geist Johann Hinrich Wicherns (1808-1881)  geprägte tiefe Frömmigkeit und Glaubensfähigkeit. Die jungen Schwestern erhielten von ihr wöchentlich eine Stunde „Neues Testament“, der Unterricht bei Probeschwestern lief unter der Bezeichnung „Altes Testament“. Außerdem erteilte sie Unterricht in „Berufskunde“. Ihre Vorstellung von einer christlichen Krankenpflege hat sie schriftlich nach der didaktischen Methode der Katechetik aufgezeichnet, einer Methode, die auch schon von dem Hebammenlehrer Johann Philipp Hagen (1734-1792)  angewandt wurde. In der Pädagogik waren Joachim Heinrich Campe (1746-1818) oder Gustav Friedrich Dinter (1760-1831) namhafte Vertreter dieser Methodik. Wie ihre Vorläufer folgt Hedwig von Brauchitsch der Frage-Antwort-Methode, d. h. sie stellt zur Anregung ihrer Hörerinnen und Leserinnen Fragen, die sie im Sinne einer Denk- und Handlungsanleitung selbst beantwortet. Die Vermittlung einer christlichen Krankenpflege nimmt sie mit der Frage auf, welche natürlichen Gaben für eine Krankenschwester erwünscht sind. Aufgelistet werden eine gute Gesundheit, eine praktische Veranlagung, Umsichtigkeit, eine leichte und geschickte Hand, leise ruhige Bewegungen und ein geräuschloser Gang. Abgesehen von der guten Gesundheit werden hier Voraussetzungen erwartet, die, didaktisch gesprochen, als Zielsetzungen verstanden und angestrebt werden müssen. Ausbildungsziele wie der Erwerb einer Umsichtigkeit, einer leichten und geschickten Hand, leiser ruhiger Bewegungen oder einer leisen Gangart haben auch heute noch ihre Berechtigung. Wie damals üblich, werden Ordnung, Sauberkeit und Pünktlichkeit oder Herzenstakt, Zartgefühl und Verschwiegenheit den Kranken und deren Angehörigen gegenüber angemahnt. Dann erst folgen die christlichen Normen. Die Krankenschwester wird sowohl als Gehilfin des Arztes eingeschworen, „denn sie ist  G e h i l f i n  des Arztes und hat als solche zu  p f l e g e n, nicht zu  b e h a n d e l n“ (1926, S. 37), als auch als Gehilfin des Pfarrers in der Seelsorge. An inneren Eigenschaften müsse eine Pflegerin, die ihr Amt im Sinne Jesu Christi ausüben wolle, nach den „Früchten des Heiligen Geistes (ringen): Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit“ (ebd.). Ohne Zweifel waren so hochgesteckte Ziele damals in der christlichen Krankenpflege genauso schwierig zu erreichen, wie wir heute große Mühe haben, in der weltlichen Pflege personale, soziale und moralische Kompetenz erwerb- und nachweisbar zu vermitteln. In der beabsichtigten Vermittlung von Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit und Sanftmut könnten wir ihr, wenn philosophisch begründet, auch heute noch folgen. Emanzipatorischen Charakter haben die normativen Ausführungen allerdings nicht. Eine Souveränität der Pflegenden lag noch außerhalb des Denkens der damaligen Oberinnengeneration. In einer schweigenden Mehrheit hat Hedwig von Brauchitsch sich immerhin als „Didaktikerin“ einer schonungsvollen Krankenpflege zu Wort gemeldet. Sie war nicht von Anfang an Mitautorin des von dem Pfarrer Gerhard Füllkrug (1870-1948) herausgegebenen Buches „Krankenseelsorge“. In der dritten Auflage (1919) schrieb noch der Wirkliche Geheime Obermedizinalrat Eduard Dietrich (1860-1947)  einen Beitrag über das „Verhältnis der Krankenpflegerin zum Arzt und zum Pfarrer“. In einem von Männern beherrschten Diskurs lässt sich Hedwig von Brauchitschs Beitrag über Pflege allerdings nicht nur als eine didaktische, unpolitische Handlung begreifen. Mit ihrer Parteinahme für eine christliche Krankenpflege bezog sie auch berufspolitisch Stellung und nahm in der zum Ausdruck gebrachten Haltung eine Deutungsmacht in Anspruch, die sonst gewohnheitsmäßig von Anstaltsgeistlichen ausgeübt wurde. Interpretationsbedürftige Abhandlungen, wie der von Hedwig von Brauchitsch verfasste Text, eröffnen einen Zugang zu einer auch von Frauen geprägten Geistesgeschichte der Pflege.

Zu erkunden bleibt noch die Haltung Hedwig von Brauchitschs gegenüber dem Nationalsozialismus, zumal sie einen der hier genutzten Texte gleich 1934 im zweiten Jahrgang der regimekonformen „Zeitschrift der Reichsfachschaft Deutscher Schwestern und Pflegerinnen“ veröffentlichte. Der Text, geschrieben in der Rubrik „Von Schwestern – für Schwestern“, ist eine freundliche Würdigung der ersten Oberin des Frankensteiner Diakonissenhauses und enthält at first sight keine erkennbaren Anklänge an die damals so genannte neue Zeit. Eine Zeitzeugin berichtet von ihrer kühlen Reaktion auf die Beschlagnahme des hauseigenen Kindergartens und Hortes durch die NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt). Das Ansinnen, trotzdem für die Kinder weiter zu kochen, lehnte die Oberin ab und entgegnete der Vertreterin der NSV, die angeblich behauptete, sie beschwöre durch ihre Ablehnung eine Notsituation herauf, kurz und bündig: „Die Sie soeben gebracht haben, bisher ging alles glatt“ (zit. n. Kunicke 1994, S. 13). Andererseits wird aber auch berichtet, dass so genannte Führerreden gemeinsam im Schwesternkreis angehört wurden.

Noch vor dem Zusammenbruch des NS-Staates und dem Ende des Zweiten Weltkrieges verstarb Hedwig von Brauchitsch am 27. Oktober 1943 in Bad Flinsberg am Isergebirge. Der Ort war in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine Landgemeinde mit 2600 Einwohnern im Regierungsbezirk Liegnitz (Legnica). Heute liegt der kleine Kurort in Polen an der tschechischen Grenze und heißt Swieradow Zdroj. Hedwig von Brauchitsch hatte sich dorthin wegen eines schon länger schwelenden Nierenleidens zur Kur begeben. Ihr Oberinnenamt hatte die immerhin schon 75-Jährige kurz vorher abgegeben.

Die streng preußisch erzogene Generalstochter verkörperte noch einen Typus von pflegefachlich zwar schmal qualifizierten, aber von Geburt privilegierten Oberinnen, den es heute in der beschriebenen Merkmalsausprägung nicht mehr gibt. In der säkularisierten, egalisierten und letztlich akademisierten Pflege konnte sich allmählich ein Typus einer hoch qualifizierten Pflegemanagerin bzw. Pflegelehrerin auch von einfachem Herkommen durchsetzen. Aufgrund einer wissenschaftlichen Ausbildung könnte der neue Typus die Sinnstiftungen der Vorläuferinnen theoretisch durchdringen und in Sinnhorizonte überführen, die die Kultur der Pflege des 21. Jahrhunderts spiegeln.


Literatur

Bautz, Friedrich Wilhelm: Füllkrug, Gerhard. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Band II (1990), Spalten 149-150. http://www.bautz.de/bbkl/f/fuellkrug_g.shtml Letzte Änderung: 15.09.2001 [16.12.2006].

Brauchitsch, Hedwig von: Christliche Krankenpflege. In: Füllkrug, Gerhard (Hrsg.): Krankenseelsorge. Bahn, 8. Auflage, Schwerin in Mecklenburg 1926, Seite 34-43 (1. Auflage 1918).

Brauchitsch, Hedwig von: Von Schwestern – für Schwestern. Zum hundertsten Geburtstag einer schlesischen Oberin [Hedwig Gräfin Stosch]. In: Zeitschrift der Reichsfachschaft Deutscher Schwestern und Pflegerinnen, 2. Jg., 1934, Nr. 4, Seite 65-66.

Dietrich, Eduard: Das Verhältnis der Krankenpflegerin zum Arzt und zum Pfarrer. In: Füllkrug, Gerhard (Hrsg.): Krankenseelsorge. Leitfaden für evangelische Krankenpflegerinnen. Bahn, dritte Auflage, Schwerin in Mecklenburg 1919, Seite 58-61.

Ehrenbrook, Hans Friedrich von (Hauptbearbeiter): Genealogisches Handbuch der adeligen Häuser, adelige Häuser A, Band III. Starke, Glücksburg / Ostsee 1957, Seite 80-81.

Evangelisches Diakonissenmutterhaus Frankenstein (Hrsg.): Das Mutterhaus Frankenstein in Schlesien 1866 – Das Mutterhaus in Wertheim am Main 1991. Wertheim am Main 1991.

Evers, Ernst: D. Emil Frommel. Ein Lebensbild. Hirsch, Konstanz [ohne Jahresangabe].

Füllkrug, Gerhard (Hrsg.): Krankenseelsorge. Leitfaden für evangelische Krankenpflegerinnen. Bahn, 3. Auflage. Schwerin in Mecklenburg 1919 (8. Auflage 1926).

Hennings Ortsbuch für das Deutsche Reich. Verzeichnis sämtlicher Städte, größerer Landgemeinden und bedeutender ländlicher Orte. Henning. Berlin 1927.

Hochbaum, Wilhelm: Hosianna! Geschichte der evangelisch-lutherischen Diakonissenanstalt Bethanien zu Breslau von 1900-1924. Selbstverlag von Bethanien zu Breslau, Breslau 1925.

E[lise] Ku[nick]: Versuch eines Lebensbildes unserer Mutter Hedwig von Brauchitsch. Oberin unseres Hauses von 1906-1943. In: Jahresgruß, Nr. 184, Dezember 1994 aus dem Evangelischen Diakonissenmutterhaus „Frankenstein“ in Wertheim am Main, Seite 10-17.

Löffler, Jürgen: Walther von Brauchitsch (1881-1948). Eine politische Biographie (Militärhistorische Untersuchungen, Band 2). Lang. Frankfurt am Main 2001.

Ökumenisches Heiligenlexikon. www.heiligenlexikon.de/BiographienE/Emil_Wilhelm_Frommel.html nach dem Stand vom 20. Dezember 2006 [30.12.2006].

Schmidt, Jutta: Beruf: Schwester. Mutterhausdiakonie im 19. Jahrhundert. Campus. Frankfurt am Main, New York 1998.

Walther von Brauchitsch aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie. http://de.wikipedia.org/wiki/Walther_von_Brauchitsch [07.01.2007].

Bildnachweis

Evangelisches Diakonissenmutterhaus Frankenstein (Hrsg.): Das Mutterhaus „Frankenstein“ in Schlesien 1866 – Das Mutterhaus in Wertheim am Main 1991. Wertheim am Main 1991, S. 25.

BRAUCHITSCH, Hedwig von

Version vom: 
2012-01-20

Zitation

Karin Wittneben. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Karin Wittneben, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 4. hpsmedia, 2012. S. 51-56

Onlinezitation

 
Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=148

Statistik

Who was who: Beliebte Biographien

BALINT, Michael

131
Who was who in nursing history: BALINT, Michael

ALOYSIUS (Aluigi, Louis) von Gon­zaga

124
Who was who in nursing history: ALOYSIUS (Aluigi, Louis) von Gon­zaga

BECKER, Johannes

123
Who was who in nursing history: BECKER, Johannes

KÜBLER-ROSS, Elisabeth

117
Who was who in nursing history: KÜBLER-ROSS, Elisabeth

MÜLLER, Agnes

114
Who was who in nursing history: MÜLLER, Agnes

OPPEN, geb. Gräfin von ITZENPLITZ, Luise Gabriele Marie von

113
Who was who in nursing history: OPPEN, geb. Gräfin von ITZENPLITZ, Luise Gabriele Marie von

BIESALSKI, Konrad

112
Who was who in nursing history: BIESALSKI, Konrad

GAEBEL, Käthe

112
Who was who in nursing history: GAEBEL, Käthe

FRANCOIS, Charlotte von

112
Who was who in nursing history: FRANCOIS, Charlotte von

DISSELHOFF, Julius

110
Who was who in nursing history: DISSELHOFF, Julius

MARX, geb. GESSINGER Gertrud

109
Who was who in nursing history: MARX, geb. GESSINGER Gertrud

OESTERGAARD, Heinz

108
Who was who in nursing history: OESTERGAARD, Heinz

MARKMILLER, Franz-Xaver

107
Who was who in nursing history: MARKMILLER, Franz-Xaver

MEYER, Wilhelm

107
Who was who in nursing history: MEYER, Wilhelm

BLISCH, Bozena

106
Who was who in nursing history: BLISCH, Bozena

BRAUCHITSCH, Hedwig von

106
Who was who in nursing history: BRAUCHITSCH, Hedwig von

BU?RGER, Christian Heinrich

105
Who was who in nursing history: BU?RGER, Christian Heinrich

APPIA, Louis

105
Who was who in nursing history: APPIA, Louis

KO?HLER, Elisabeth (Edith)

104
Who was who in nursing history: KO?HLER, Elisabeth (Edith)

MAY geb. BEYER, Sophie Auguste

103
Who was who in nursing history: MAY geb. BEYER, Sophie Auguste

BRUNNER, Friedrich

103
Who was who in nursing history: BRUNNER, Friedrich

CARIO, Lisbeth

103
Who was who in nursing history: CARIO, Lisbeth

ELSTER, Ruth

103
Who was who in nursing history: ELSTER, Ruth

FRIEDRICH-SCHULZ, Marie

103
Who was who in nursing history: FRIEDRICH-SCHULZ, Marie

HEICHELE, Paul

102
Who was who in nursing history: HEICHELE, Paul

HEISE, Elsbeth

102
Who was who in nursing history: HEISE, Elsbeth

BUNSEN, Frances Helen von

101
Who was who in nursing history: BUNSEN, Frances Helen von

JESSOP, Violet Constance

101
Who was who in nursing history: JESSOP, Violet Constance

ROCHOWSKI, Anton

100
Who was who in nursing history: ROCHOWSKI, Anton

LILIENFELD, Ruth Sophie

100
Who was who in nursing history: LILIENFELD, Ruth Sophie

KIESSELBACH, Luise

99
Who was who in nursing history: KIESSELBACH, Luise

ECKERT, Mina

98
Who was who in nursing history: ECKERT, Mina

CAMACHO, Franz

98
Who was who in nursing history: CAMACHO, Franz

PINDING, Maria

98
Who was who in nursing history: PINDING, Maria

OCH-SOBOLL, Anna-Martha van

97
Who was who in nursing history: OCH-SOBOLL, Anna-Martha van

MICHELIS, Eduard

96
Who was who in nursing history: MICHELIS, Eduard

Eichel, Anna von

95
Who was who in nursing history: Eichel, Anna von

BOURDON, Henri

93
Who was who in nursing history: BOURDON, Henri

NIGHTINGALE, Florence

81
Who was who in nursing history: NIGHTINGALE, Florence

BREYER, Dora

79
Who was who in nursing history: BREYER, Dora

datenbankbanner 2

probezugang